Es gibt im HipHop, grob gesagt - wie überall sonst auch - zwei Typen: den Individualisten und den Konformisten. Und im HipHop rechnet sich das Gros der Aktivisten - wie überall sonst auch - den Individualisten zu. Nur wenn man sich den Output besieht und ein wenig filtert, stellt man im HipHop hierzulande fest: - wie sonst auch - nicht jeder, der beansprucht, Wort und Reim individuell zu gebrauchen, tut dies zu recht. Das Vokabular der Texte ist überwiegend deckungsgleich; die Inhalte ebenso. Und dann ist da noch das Phänomen des Trends, das noch den kleinsten Unterschied einebnet - wie überall sonst auch. Und deshalb heißt es mehr denn je: Individualismus bedeutet zuallererst: Seinen eigenen Weg zu gehen.
Als HipHop in Deutschland Fuß fasste, war die Szene noch sehr vielfältig geprägt: Es wurde sowohl auf Englisch, der Originalsprache, als auch auf Deutsch gereimt und beides schloss sich nicht aus. Im Gegenteil: Man rockte zusammen. Erst als der große HipHop-Boom einsetzte und die Szene vom Jugendzentrum zu Viva katapultierte, setzte sich die Dominanz der deutschen Sprache durch und viele MCs, die zuvor noch rein englischsprachig oder türkisch boasteten, wechselten - vielleicht überzeugt, vielleicht opportunistisch - zur Landessprache. Nicht weiter verwerflich, aber auch nicht sonderlich standhaft. Ein Rebell denkt anders. Und so gehörte Ende der Neunziger schon einiges an Mut, Trotz und Liebe dazu, beim Englischen zu bleiben. Eben Individualismus.
Ein solcher Individualist ist CRONITE - the croatian nightmare. Der gebürtige Nürnberger sieht sich selbst als Außenseiter im HipHop. Und dass aus einer Außenposition viel Kraft erwachsen kann, stellt er seit einigen Jahren unter Beweis. Für ihn ist HipHop so ziemlich alles, nämlich das Leben selbst und das Leben ist HipHop. Understand? HipHop ist Ausdruck seiner selbst und deswegen hat der 28-Jährige für HipHop auch alles andere aufgegeben. So schlägt er sich trotz "gutem Schulabschlusses" mit allerlei Nebenjobs durch. Nicht zuletzt, um hungrig zu bleiben und sich als MC weiter zu entwickeln. HipHop ist das Leben.
Angefangen hat die Beziehung CRONITE - HipHop 1983, als Breakdance in Deutschland Einstand feierte. Jahrelang machte er sich in Süddeutschland als Breakdancer einen Namen, damals noch als General T. Dann, Ende der Achtziger kam - auch unter Einfluss der im Süden stationierten amerikanischen GIs - die Transformation vom B-Boy zum MC. Auf unzähligen Cyphern und Battles stand CRONITE seinen Mann und entwickelte seinen Stil - ausdrucksstark und voller Energie. Von den amerikanischen Soldaten bekam er schlussendlich auch seinen Titel verliehen: Auf einem MC-Battle in seiner Heimatstadt, gaben sich die Kontrahenten das Mikrofon in die Hand. Am Ende standen nur noch zwei GIs und ein namenloser Deutsch-Kroate im Ring und da die Amis keinen Stich mehr kriegten, gaben sie auf und sagten nur: "You´re the croatian nightmare!" Und fortan nahm die Geschichte ihren Lauf.
Mit nahezu perfektem amerikanischen Akzent bringt CRONITE seither sein Innerstes zu Papier und auf Vinyl. Englisch rappt er schon allein, um mit seinen Einflüssen, mit den amerikanischen MCs zu kommunizieren. Und auch das ist eine sehr ehrliche Haltung, denn auch die Mehrheit der deutschsprachigen MCs hört und bezieht sich auf die US-Einflüsse. "Bei den meisten kann ich nur schmunzeln . Wenn einer reimt: ´Ich bin fett, wie Zellulitis!´, dann weiß ich doch gleich, wen der gehört hat. Da wird viel nur übersetzt." Etwas, das sich einem englischsprachigen MC verbietet. Die Mühen, sich sein eigenes Vokabular aufzubauen, vergleicht er dann auch mit einem "dreifachen BWL-Studium."
CRONITE ist Teil der deutschen Szene, aber HipHop ist ein weltweites Ding. Cronite ist auf dem Solopfad und geht seinen eigenen Weg, auch wenn man als englischsprachiger MC niemals soviel verkaufen können wird, wie ein deutscher Konkurrent. CRONITE setzt in seine Musik sein Leben und seine Liebe. Seine Themen sind vielfältig: Leben, Freundschaft, Politik, Welt, Industrie und HipHop selbst. Er schreibt Texte, die man sich mehrmals anhören muss, wenn man mit kriegen will, was läuft und die er selbst als "profunde Lyrik" bezeichnet. Profund, das heißt tiefgründig. Und dieser bewusste Umgang mit Text und Aussage macht ihn originär und verhindert, dass er ein Möchtegern-Ami Gangster-Klischee bedient. Das Bewusstsein, dass sich in Cronites Musik spiegelt, begründet die lyrische Tiefe, die seinen Texten eigen ist und macht ihn unverwechselbar. Eben individuell. Man spürt: Es lohnt sich, zurück zu lehnen und zu zuhören.
Die ganzen Neunziger über fuhr CRONITE von Jam zu Gig und lernte den Rest der Szene kennen. In unzähligen Battles stand er seinen Mann und machte seinen Namen zum Programm. "Man muss auf der Bühne voll abgehen. Man muss die Leute bewegen, indem man zeigt, dass man für die Sache lebt." Auf einem dieser Jams lernte er Mitte der Neunziger die beiden Bremerhavener DJs Kaoz und Stylewarz kennen und schätzen. Er besuchte sie, verliebte sich in ihre Beats und produzierte fortan mit ihnen. Seitdem ist die Stadt im Norden, so was wie seine zweite Heimat geworden. Alle zwei Wochen setzte er sich seither in den Zug, entfloh seinem Job bei UPS und fuhr für vier Tage nach Bremerhaven. Und das seit fünf Jahren! Eine Sache ernst zu nehmen, verlangt eben Hingabe. Aber auch Playmo aus Köln und die neuen Produzenten-Stars Baby Dooks, Dash & Koolade aus Zagreb, Kroatien zählen zu seinen Beatbauern. "Man muss sich dem Track anpassen und ein Gefühl für den Song entwickeln, um etwas Gutes zu schreiben. Ich schreibe jeden Tag einen Text. Sonst bin ich nicht zufrieden mit dem Tag."
1994 veröffentlichte er bei Take Off die 12"-Maxi "Bang Bang", 1997 bei SPV "Pain", 2000 veröffentlichte er in Eigenregie die "Cronite / Who the Fuck Iz U" Maxi und 2003 wurde endlich ein Majorlabel auf sein Talent aufmerksam: Universal Music. Über deren Sublabel Urban erfüllte sich Cronite’s Lebenswunsch. Er releaste sein Debütalbum ´Cronite´! Man muss seinen Traum leben. Als Individualist.
[2002 by Jan Kage]
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Als HipHop in Deutschland Fuß fasste, war die Szene noch sehr vielfältig geprägt: Es wurde sowohl auf Englisch, der Originalsprache, als auch auf Deutsch gereimt und beides schloss sich nicht aus. Im Gegenteil: Man rockte zusammen. Erst als der große HipHop-Boom einsetzte und die Szene vom Jugendzentrum zu Viva katapultierte, setzte sich die Dominanz der deutschen Sprache durch und viele MCs, die zuvor noch rein englischsprachig oder türkisch boasteten, wechselten - vielleicht überzeugt, vielleicht opportunistisch - zur Landessprache. Nicht weiter verwerflich, aber auch nicht sonderlich standhaft. Ein Rebell denkt anders. Und so gehörte Ende der Neunziger schon einiges an Mut, Trotz und Liebe dazu, beim Englischen zu bleiben. Eben Individualismus.
Ein solcher Individualist ist CRONITE - the croatian nightmare. Der gebürtige Nürnberger sieht sich selbst als Außenseiter im HipHop. Und dass aus einer Außenposition viel Kraft erwachsen kann, stellt er seit einigen Jahren unter Beweis. Für ihn ist HipHop so ziemlich alles, nämlich das Leben selbst und das Leben ist HipHop. Understand? HipHop ist Ausdruck seiner selbst und deswegen hat der 28-Jährige für HipHop auch alles andere aufgegeben. So schlägt er sich trotz "gutem Schulabschlusses" mit allerlei Nebenjobs durch. Nicht zuletzt, um hungrig zu bleiben und sich als MC weiter zu entwickeln. HipHop ist das Leben.
Angefangen hat die Beziehung CRONITE - HipHop 1983, als Breakdance in Deutschland Einstand feierte. Jahrelang machte er sich in Süddeutschland als Breakdancer einen Namen, damals noch als General T. Dann, Ende der Achtziger kam - auch unter Einfluss der im Süden stationierten amerikanischen GIs - die Transformation vom B-Boy zum MC. Auf unzähligen Cyphern und Battles stand CRONITE seinen Mann und entwickelte seinen Stil - ausdrucksstark und voller Energie. Von den amerikanischen Soldaten bekam er schlussendlich auch seinen Titel verliehen: Auf einem MC-Battle in seiner Heimatstadt, gaben sich die Kontrahenten das Mikrofon in die Hand. Am Ende standen nur noch zwei GIs und ein namenloser Deutsch-Kroate im Ring und da die Amis keinen Stich mehr kriegten, gaben sie auf und sagten nur: "You´re the croatian nightmare!" Und fortan nahm die Geschichte ihren Lauf.
Mit nahezu perfektem amerikanischen Akzent bringt CRONITE seither sein Innerstes zu Papier und auf Vinyl. Englisch rappt er schon allein, um mit seinen Einflüssen, mit den amerikanischen MCs zu kommunizieren. Und auch das ist eine sehr ehrliche Haltung, denn auch die Mehrheit der deutschsprachigen MCs hört und bezieht sich auf die US-Einflüsse. "Bei den meisten kann ich nur schmunzeln . Wenn einer reimt: ´Ich bin fett, wie Zellulitis!´, dann weiß ich doch gleich, wen der gehört hat. Da wird viel nur übersetzt." Etwas, das sich einem englischsprachigen MC verbietet. Die Mühen, sich sein eigenes Vokabular aufzubauen, vergleicht er dann auch mit einem "dreifachen BWL-Studium."
CRONITE ist Teil der deutschen Szene, aber HipHop ist ein weltweites Ding. Cronite ist auf dem Solopfad und geht seinen eigenen Weg, auch wenn man als englischsprachiger MC niemals soviel verkaufen können wird, wie ein deutscher Konkurrent. CRONITE setzt in seine Musik sein Leben und seine Liebe. Seine Themen sind vielfältig: Leben, Freundschaft, Politik, Welt, Industrie und HipHop selbst. Er schreibt Texte, die man sich mehrmals anhören muss, wenn man mit kriegen will, was läuft und die er selbst als "profunde Lyrik" bezeichnet. Profund, das heißt tiefgründig. Und dieser bewusste Umgang mit Text und Aussage macht ihn originär und verhindert, dass er ein Möchtegern-Ami Gangster-Klischee bedient. Das Bewusstsein, dass sich in Cronites Musik spiegelt, begründet die lyrische Tiefe, die seinen Texten eigen ist und macht ihn unverwechselbar. Eben individuell. Man spürt: Es lohnt sich, zurück zu lehnen und zu zuhören.
Die ganzen Neunziger über fuhr CRONITE von Jam zu Gig und lernte den Rest der Szene kennen. In unzähligen Battles stand er seinen Mann und machte seinen Namen zum Programm. "Man muss auf der Bühne voll abgehen. Man muss die Leute bewegen, indem man zeigt, dass man für die Sache lebt." Auf einem dieser Jams lernte er Mitte der Neunziger die beiden Bremerhavener DJs Kaoz und Stylewarz kennen und schätzen. Er besuchte sie, verliebte sich in ihre Beats und produzierte fortan mit ihnen. Seitdem ist die Stadt im Norden, so was wie seine zweite Heimat geworden. Alle zwei Wochen setzte er sich seither in den Zug, entfloh seinem Job bei UPS und fuhr für vier Tage nach Bremerhaven. Und das seit fünf Jahren! Eine Sache ernst zu nehmen, verlangt eben Hingabe. Aber auch Playmo aus Köln und die neuen Produzenten-Stars Baby Dooks, Dash & Koolade aus Zagreb, Kroatien zählen zu seinen Beatbauern. "Man muss sich dem Track anpassen und ein Gefühl für den Song entwickeln, um etwas Gutes zu schreiben. Ich schreibe jeden Tag einen Text. Sonst bin ich nicht zufrieden mit dem Tag."
1994 veröffentlichte er bei Take Off die 12"-Maxi "Bang Bang", 1997 bei SPV "Pain", 2000 veröffentlichte er in Eigenregie die "Cronite / Who the Fuck Iz U" Maxi und 2003 wurde endlich ein Majorlabel auf sein Talent aufmerksam: Universal Music. Über deren Sublabel Urban erfüllte sich Cronite’s Lebenswunsch. Er releaste sein Debütalbum ´Cronite´! Man muss seinen Traum leben. Als Individualist.
[2002 by Jan Kage]
