Gentleman hat wirklich allen Grund, sein neues Album "Confidence" zu nennen und voller Zuversicht in die Zukunft zu blicken. Was in den letzten zwei Jahren passiert ist, hat alle Erwartungen, die der Reggaekünstler aus Köln mit seinem letzten Studioalbum "Journey To Jah" gehegt hatte, weit übertroffen.
Dabei überraschte nicht allein der kommerzielle Erfolg dieses Meisterwerks des Roots Reggae, das mit jamaikanischen Top-Stars wie Bounty Killer, Capleton, Luciano und Mikey General sowie einigen der besten Reggae-Produzenten der Insel hochkarätig besetzt war. Was für großartige Songs ihm da gelungen waren, zeigte sich vor allem in der Publikumsresonanz im Laufe der folgenden Festivalauftritte und Tourneen. "Dem Gone", "Runaway", "Leave us alone", "See dem coming" und "Fire ago bun dem" klingen heute für jeden Menschen, der mit dem zeitgenössischen Reggae vertraut ist, als gehörten sie schon immer zum Kanon dieses Genres. Zudem hat der Sänger mit der mal sanft, mal rau intonierenden Stimme auf der Bühne ein unglaubliches Charisma. Wunderbar dokumentiert ist dies auf der im letzten Jahr erschienenen DVD und Doppel-CD "Gentleman And The Far East Band Live".
Gentleman hat für Reggae nicht nur in Deutschland neue Maßstäbe gesetzt. Nachdem "Journey To Jah" fast ein halbes Jahr in den deutschen Charts notiert war und Gentleman ob dieses Erfolgs sogar mit dem ECHO, dem höchsten Musikpreis Deutschlands, ausgezeichnet wurde, hat der Sänger gemeinsam mit der Far East Band, die in den letzten zwei Jahren zur festen Größe an seiner Seite avanciert ist, seine Kreise als Live-Act immer weiter gezogen. Ganz gleich, ob auf dem Roskilde Festival, in Frankreich, Italien oder Skandinavien, Gentleman hat seine internationale Klasse als Live-Act ein ums andere Mal unter Beweis gestellt. Im November erstmalig bei Barrington Levys Dance All Rock Festival zu sehen und im Dezember noch beim Sting Festival auf Jamaika, dem größten One-Night-Reggae-Festival der Welt, zu Gast, so wie im Februar bei Jamaikas größtem Roots Reggae Festival Rebel Salute machte er in diesem Jahr auf dem Montreux Jazz Festival seine Aufwartung (wo Dean Fraser, Luciano, Mikey General und Englands Veteranen DJ Tippa Irie zu einem spontanen Jam die Bühne stürmten) sowie bei Festivals in der kalifornischen Sierra Nevada und auf den Bahamas. Auch die ersten internationalen Nominierungen kamen in diesem Jahr dazu. Im Mai wurde Gentleman bei den Martin Awards in New York, bei denen Reggae & World Music im Vordergrund stehen, als Best New Reggae Artist nominiert. Und in derselben Kategorie konnte er bei den Reggae & Soca Awards in Miami, wo besonders der karibische Einfluss zur Geltung kommt, eine weitere Nominierung verzeichnen.
Der rastlose Eifer, mit dem er seit Jahren die Kultur Jamaikas vor Ort verinnerlicht hat, ist längst zu einem spürbar authentischen Stück Selbstverwirklichung erwachsen. Ihm ist es gelungen, auf der karibischen Insel künstlerisch Fuß zu fassen, wie noch keinem anderen deutschen Musiker zuvor. Seit mehr als zehn Jahren ist Tilmann Otto, so sein bürgerlicher Name, regelmäßig zu Gast auf Jamaika. Mit vielen jamaikanischen Reggaemusikern verbindet ihn mittlerweile eine innige Freundschaft. Für sein neues Album "Confidence" hat er die bereits bestehenden guten Kontakte vertieft, aber auch einmal mehr neue Kollaborationen gesucht - denn mit jedem neuen Besuch auf der Insel will Gentleman an Erfahrung gewinnen und seinen Horizont erweitern: Gerade der kreative Prozess ist für ihn auch ständiger Lernprozess. Mit "Confidence" hat Gentleman nun das Kunststück eines tief in die Wurzeln des Reggae greifenden Meisterwerks wiederholt. Statt 15 sind es diesmal satte 20 Songs, die dem Roots Reggae bis in seine feinsten Verästelungen nachspüren. Liebevoll sind alle Songs bis ins kleinste Detail arrangiert, an blubbernden Bassläufen, perfekt sitzenden Bläsersätzen, entrückten Harmoniegesängen und feinen Gitarrenparts wurde nicht gespart. Superstars wie Barrington Levy und Anthony B, altbekannte Weggefährten wie Daddy Rings und Jack Radics sind ebenso dabei wie Coco Tea, Ras Shiloh und Tony Rebel. "Weary No More", Gentlemans Duett mit seiner Freundin Tamika, ist wie auch "Unconditional Love" und "Intoxication" Lover´s Rock deluxe. Wie auch bei Journey To Jah, hat Gentleman seine Songs erneut in poetisches Patois gekleidet.
Wie hoch Gentleman in Kingston geschätzt wird, wo einmal mehr das Gros der Aufnahmen entstand, die sich weit über ein Jahr erstreckten, zeigt insbesondere die Mitwirkung von Barrington Levy. Diesen Giganten des Reggae für eine Studiosession zu gewinnen ist schon eine Kunst für sich. Eine umso größere Ehre ist es, dass er bei der Resistance-Hymne "Caan Hold Us Down" mitwirkte, gemeinsam übrigens mit dem Gentleman-Intimus Daddy Rings, der bereits die letzten Tourneen als unverzichtbarer Duettpartner bestritt. Anthony B ist eine weitere Granate. Der Meister des Africanism zeigt sich mit "Face Off" von seiner härteren Seite. Ein Mega-Track von biblischem Ausmaß, der genau jenen Furor hat, den "Fire Ago Bun Dem" beim letzten Studioalbum hatte. Doch es ist vor allem der Spirit des Roots Reggae, der das Album "Confidence" prägt.
"Es kommt natürlich immer darauf an, welchen Zugang jeder einzelne zum Spirit hat", erläutert Gentleman. "Für mich ist die Musik der Spirit. Musik ist die Manifestation des Spirits. Ich habe durch die Musik einen Weg gefunden, das auszudrücken. Es ist mir bei den Inhalten extrem wichtig, darauf zu achten, dass ich dahinter stehen kann, dass es durchdacht ist. Gerade weil es für immer da ist und nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Die 150.000 Kids oder auch ältere Leute, die das letzte Album gekauft haben, die hören ja auch auf die Texte. Auf einmal merkt man, dass man nicht nur sich selbst gegenüber Verantwortung hat. Es geht darum, mit sich selbst im Reinen zu sein." So ist denn auch "Superior", die erste Single, produziert von dem bewährten deutschen Produzententeam Pow Pow und eingespielt mit der Firehouse Crew. In einer Welt voller Armut, Krieg, materieller Gier und globaler Machtspiele fordert Gentleman Einhalt und Besinnung auf spirituelle Werte. Ein betont politischer Song. Für das Video begab sich der Kölner Globetrotter in die Höhle des Löwen respektive nach South Central Los Angeles, um in dieser von Hektik und Glamour geprägten Metropole seine Botschaft für eine humanere Welt zu verbreiten.
Gentleman hat für sein neues Album erneut mit seinen Bewährten Songwriter Weggefährten Jack Radics und Daddy Rings viele Texte geschrieben, und zusätzlich auch einige Riddims selbst komponiert, die er mit der Far East Band einspielte. Für den Dancehall-Taifun "New Day", für "Caan Hold Us Down", sowie für das an den Desmond-Dekker-Klassiker "Shantytown" erinnernde und von Pow Pow produzierte "Rumours" und für das magische "Mystic Wind" (mit einem phantastisch aufgelegten Tony Rebel) ging die Band ins Conny Plank Studio. Dabei hört man zu den in Jamaika entstandenen Aufnahmen, wo als Band oftmals die Firehouse Crew bereit stand, keinerlei Unterschied. Die renommierten Produzenten Bobby Digital, Steven Stanley, Richie Stephens und Black Scorpio (die schon bei "Journey To Jah" mitwirkten) sind mit von der Partie, aber auch junge jamaikanische Produzenten wie Don Corleone, A.L.T.A.F.A.N. und Calibud zeigen, dass Kingston eine stetig brodelnde Talentschmiede ist.
Für "Confidence" hat Gentleman so ziemlich alles an den Start gebracht, was er sich für ein perfektes Gelingen vorgestellt hatte. Alle Features wurden quasi auf Tauschbasis verhandelt: Ich mach jetzt bei deiner Scheibe mit und du revanchierst dich demnächst bei mir. Denn längst hat sich auf Jamaika die Klasse von Gentleman herumgesprochen. "Dem Gone" ist auch dort schon ein enorm populärer Song. Vom selben Kaliber ist auf dem jetzigen Album sicherlich "Send A Prayer" zu nennen. Zu dem künstlerischen Bewusstsein Gentlemans gehört eben auch sein tief verankerter Glaube an Gott, aber betont ohne dogmatische Bürden. Das Wundervolle an "Confidence" ist, dass hier noch deutlicher und schlüssiger als auf dem Vorgänger Modern Roots als kreative Spielwiese fungiert. Das Ergebnis ist der absolut klassische Stoff, aus dem Roots Reggae Legenden gemacht sind.
Dabei ist es schwer, bei all den stimmigen Vibes, der melodischen Kraft und dem sanftmütigen Spirit, die auf "Confidence" vorherrschen, einzelne Songs herauszustellen. Sicherlich sind "All That You Had" und "After A Storm" formvollendete Beispiele, die mit ihren wohl temperierten Texturen das Zeug zu richtigen Roots-Klassikern haben, die mit der Zeit garantiert zu Publikumsrennern werden. "Confidence" dürfte jedenfalls den international hohen Stellenwert von Gentleman weiter festigen und ausbauen. Es ist ein Album, in dessen Vibes man sich komplett versenken kann und sich bestens aufgehoben fühlt. Im Oktober steht eine Deutschlandtournee an, im November folgt das restliche Europa und im Dezember geht es einmal mehr zu Konzerten in die Karibik. Gentleman hält mit "Confidence" wieder einen Trumpf in der Hand, der Tradition und Innovation zugleich symbolisiert. Der Siegeszug dieses Botschafters des Reggae ist nicht aufzuhalten.
Juli 2004