Feature: Aggro Berlin
von oliversum
Am 01.01.2001 hat das Unheil begonnen.", beginnt Jens seine Schilderung der Entwicklungsgeschichte von Aggro Berlin. Mit seinem Freund Spector lieferte er sich jedes Wochenende beim Wegegehen regelrechte "Tapebattles'. Sprich, man spielte sich gegenseitig neuentdeckte Rapkassetten im Autoradio vor. "Irgendwann sind wir krass hängen geblieben auf diesen Sekte-Tapes. Eric meinte, lass mal kucken, ob wir uns mit den Jungs irgendwie zusammensetzen können.

Der Kontakt kam über Halil, den Besitzer von Downstairs zustande. Die Sekte hatte gerade eine personelle Umstrukturierung hinter sich und sich in AidS (Alles ist die Sekte) umbenannt. Mit selbstkopierten Tapes und einem kompromisslos- aggressiven Style hatten Sido und B-Tight sich eine beachtliche Fanschar in ganz Deutschland geschaffen und - zusammengenommen - 20.000 Stück verkauft - ohne Presse, Promo, Radio und TV. Wir wollten uns einfach mal mit diesen jungen Typen treffen und sehen ob die Bock hätten, was mit uns zu machen. Im Musikgeschäft hatten wir fast keine Erfahrung. Gut, grundlegende Sachen wusste ich natürlich, dass man seine Rechnungsordner in Ordnung halten muss.", so Jens weiter. Die Sektenjünger sind interessiert. "Wir haben ihnen gesagt: Wir gründen ein Label und bringen das auf ein anderes Level. Auf ihrem Level waren die ja sehr erfolgreich.
Wir haben ihnen gleich gesagt, dass sie vielleicht erst mal ein bisschen weniger einnehmen, aber auf lange Sicht natürlich mehr drin ist. Es war von Anfang an klar: Wir wollen nicht nur coole Undergroundmusik machen, das natürlich auch, aber schon, um damit groß rauszukommen. Wir reißen uns seit drei Jahren den Arsch auf, da muss schon die Perspektive TopTen Hit her, damit sich das ausbezahlt." Gesagt, getan. Zusammen mit Halil und dessen bereits bestehender Struktur gründen Spector und Jens Aggro Berlin. Die beiden zunächst einzigen Künstler B-Tight und Sido werden mit Exklusivverträgen ausgestattet. "Das musste sein, denn wen man von einer langsamen Steigerung ausgeht, muss man die Künstler längerfristig an sich binden und deutlich machen, dass sich die Leistung längerfristig ausbezahlt. Wenn dann Millionen in der Kasse klingeln …", flachst Jens halb im Spaß, halb ernst.
Erste Veröffentlichungen auf dem jungen Label sind ein Tape von Sido und B-Tight sowie die Maxi "Das Mic Und Ich". Bald folgt der Sampler "Ansage No.1", auf dem auch erstmals ein gewisser Bushido in Erscheinung tritt. Der hatte sich mit seinem Tape "King Ov Kingz" über I Luv Money Records bereits einen sehr guten Ruf verschafft und entwickelte sich zunehmend zum neuen Zugpferd für Aggro. Seine erste Veröffentlichung für das Label im Sommer 2002 schlägt gut ein. "Carlo Coxxx Nutten" entsteht mit Bushidos Kumpel Fler unter dem Projektnamen Sonny Black und Frank White. Besonders die düsteren, elektroiden Beats in Verbindung mit den harten Streetlyrics lassen viele aufhorchen. Bushidos Soloalbum "Vom Bordstein bis zur Skyline" bricht endgültig alle Dämme und schießt auf Platz 88 der deutschen Charts. Jens merkt an, dass das die tatsächlichen Verkaufszahlen noch gar nicht wiederspiegelt. "Ein großer Teil der Verkäufe, bei Bushido etwa ein Drittel, läuft nicht über chartsregistrierte Läden wie WOM, Saturn oder Makromarkt, sondern die Undergroundkanäle wie Mzee oder Downstairs."
zugehörige VÖs:
A.i.d.S. - Gar Nich So Schlimm (Album - 08/2003)
|
||
A.i.d.S. - Album Nr. 3 (Album - 05/2002)
|
||
A.i.d.S. - Das Mic und Ich (Single - 12/2001)
|
||
A.i.d.S. - Wissen Flow Talent (Album - 00/1998)
|
Durch den Chartentry findet Aggro Berlin plötzlich Beachtung in ungeahnten Bereichen wie dem Kultursender arte oder der Sendung Polylux auf ARD. Der Aufwand für den Achtungserfolg war vergleichsweise gering. "Was haben wir denn schon gemacht? Wir hatten ein Video, das dreimal im Fernsehen lief, auch noch in HipHop Spartensendung, vier, fünf Anzeigen und ein paar Stickers." Viel laufe heutzutage übers Internet, wenn man eine große Fanbasis hat, könne man da tausende von Menschen erreichen. Dabei ist es ein relativ billiges Promotool, dass zudem durch Flexibilität, Reichweite und Aktualität besticht. Aggro arbeitet mit einigen kleineren Internetseiten zusammen, die meist von Fans betrieben werden, die Angebote wie Specials oder Verlosungen dankbar annehmen.
Nach dem Aufstieg in die Oberliga der deutschen Rapszene ließen natürlich auch die Majors nicht lange auf sich warten, die das Independentlabel mit Vertriebsdeals locken wollten. Für Bushidos Album sowie die anstehende "Ansage No.3" zog man aber Groove Attack als Vertriebspartner vor. "Da arbeitet man mit einer überschaubar kleinen Firma, die flexibel ist, da kann man schneller Sachen rausbringen. Die Majors können zudem finanziell nicht mehr soviel bieten wie noch vor ein paar Jahren." Ausschließen möchte man für die Zukunft aber nichts.
Genauso wenig möchte man Aggro zu eng auf einen bestimmten Style festgelegt wissen. "Ein Bushido ist nicht wirklich vergleichbar mit einem Sido. Das sind zwei verschiedene Persönlichkeiten, von der Musik und den Texten her. Bei Flers Solosachen wird man auch sehen, dass er sich davon wieder absetzt. Bis jetzt stand er im Schatten von Bushido, aber die Solosachen haben eine ganz andere Farbe. Inhaltlich ist es klar, dass man auf einem Label, das Aggro Berlin heißt, keine Popmusik mit Liebestexten rausbringen wird. Momentan sind die Grenzen gar nicht absehbar, was Gangsterrap angeht. 50 Cent ist ein TopTen Artist, warum soll es in Deutschland nicht gehen, dass Typen aus dem Ghetto auf so ein Level kommen können? Wir haben die Künstler, die das Talent und das Charisma dafür haben, und wir haben die Struktur, die die Produkte auch in die richtige Form bringt, sowohl äußerlich wie inhaltlich-konzeptionell."
Es ist nicht weiter überraschend, dass ein Label, dass die Aggressivität schon im Namen führt, mit Reibereien aller Art gerne in Verbindung gebracht wird. Jens dazu: "Das sind ja oft alte oder neue persönliche Geschichtchen. Die Leute freuen sich halt, wenn Bushido in einem Interview sagt, dass Eko ihm auf den Sack geht. Das muss man auch mal ganz locker sehen. Gerade diese Royal Bunker Sache ist ja eine lange Story. Da wird oft zuviel von außen hinein interpretiert oder es gibt Missverständnisse. Wenn da was nach ernsteren Schwierigkeiten klingt, hab ich kein Problem damit, Staiger anzurufen und zu fragen, was los ist. Und er hält es umgekehrt genauso. Dass die Künstler untereinander gerne mal rangeln, das sind oft so Writergeschichten, der eine war in der Crew, der andere in jener. Als Labelboss muss man dafür sorgen, dass die Wogen nicht allzu hoch schlagen. Natürlich haben wir kein Interesse an ernsthaftem Beef, dafür hab ich viel zu viel zu tun." Zum Beispiel dafür zu sorgen, dass alle Aggrofans kontinuierlich mit neuem Stoff versorgt werden. Dieses Jahr steht noch die "Ansage No.3" an, unter anderem mit einem Weihnachtslied der besonderen Art von Sido. Nächstes Jahr sind Flers erste Solosingle plus Album, die immer wieder verschobene DVD sowie Sidos Solowerk "Die Maske" geplant. Und auch Bushido hat schon wieder fleißig neue Tracks aufgenommen. Das "Unheil" wird also allem Anschein nach auch 2004 weitergehen.





