Feature: Frauenarzt
von oliversum
“Muschi, Muschi, Muschi!”- “Tanga, Tanga!” – “Zeig’ die Titten, jetzt wird geritten!” Schlachtrufe dieser Art sind unschwer einer bestimmten Crew aus Berlin zuzuordnen, die sich in den vergangenen Jahren aus eigener Kraft einen Namen gemacht hat. Wobei Crew nicht ganz richtig ist, denn eigentlich ist BassBoxxx ein Label, auf dem Künstler wie MC Basstard, King Orgasmus, Mach One, Akte One und Frauenarzt ihre kontroverse Musik veröffentlichen. Mit letzterem traf ich mich in Tempelhof, um dem Phänomen der Baßfreunde mit den sexuell eindeutigen Texten ein wenig auf den Grund zu gehen. Frauenarzt entpuppt sich für mich etwas überraschend nicht als überprolliger Atze mit einstelligem IQ, sondern als höflicher, durchaus kultivierter Mensch. Soviel zum Thema Vorurteile.

Geprägt wurde Frauenarzt hörbar vom tieftönigen Sound aus Florida, auch als Miami Baß bekannt. Die Luke Records Sachen, Arabian Prince, Magic Mike oder Egyptian Lover zählten zu seinen Favoriten. Ende der neunziger Jahre erlebt er die Hochzeiten des Royalbunker Freestylecafés, mit denen er immer noch schöne Erinnerungen verbindet. “War halt eine lustige Zeit. Damals war alles noch ein bißchen anders, war alles noch ganz Untergrund. Da haben noch alle miteinander gechillt, da waren noch alle miteinander in einem Raum, ohne daß sie sich gestritten oder sich dumm angeguckt hätten. Jetzt - ich meine, jeder hat halt sein Ding durchgezogen.”
Aus dem BassBoxxx Umfeld wurden in letzter Zeit Feindseligkeiten in Richtung anderer Berliner Crews wie M.O.R. laut, die Frauenarzt jedoch nicht weiter kommentieren möchte. “Ich hab‘ im letzten Jahr sehr viel gelernt, und ich hab‘ gemerkt, daß dieses ganze Musikbusiness, egal ob Untergrund oder Major, zu mindestens 50% aus Geschäft besteht, die anderen 50 sind musikalisch”, meint er nur. Selbst bei einem Majorlabel zu unterschreiben, wäre für ihn also auch durchaus kein Tabubruch. “Ich bin nicht wild drauf. Aber sofern ich machen kann, was ich will und sehr viel Geld dafür kriege, mache ich das. Harharhar...”
Auch der Gedanke, weiter zu wachsen und mehr Leute zu erreichen, ist ihm nicht fremd. “Natürlich will ich jeden erreichen, den ich kann, von sechzehn bis hundert. Ach was, von vierzehn an. Nein, auch 12jährige sollen es hören, alle! Sorgen, daß seine sexistischen Texte einen schlechten Einfluß gerade auf jüngere Hörer haben könnten, macht sich Frauenarzt nicht. “Na ja, das kann man ja auch als Schule sehen. Die sollen ruhig ein bißchen belehrt werden. Ich hab‘ mir damals immer das geholt, was geschockt hat. Mir hat immer das gefallen, was mir aufgefallen ist. Wenn ich nackte Ärsche auf dem Cover gesehen habe, dachte ich “Oh geil, ist verboten!’, weißte? Oder Getto Boys, Bushwick Bill mit ausgeschossenem Auge, is‘ auch nicht schlecht gewesen. Damals sind alle rumgelaufen und haben gerufen “Hey, we want some Pussy!’, heute rufen sie vielleicht “Titten raus!’.”
Ist ihm an Provokation gelegen, eventuell um sich vom Rest abzuheben? “Na ja, was heißt provozieren? Jeder Mann steht auf Titten, oder? Jeder möchte Fotzen sehen, oder auch Gewalt und Drogen, so ist halt die Gesellschaft. Man wächst halt damit auf. Also, warum nicht darüber reden? Was die anderen machen, ist einfach immer dasselbe: “Ich bin cool, du bist scheiße!’.” Frauen reagieren auf seine – vorsichtig ausgedrückt – offenen Texte erwartungsgemäß sehr unterschiedlich. “Ich glaube, man liebt es oder haßt es. Manche Frauen kommen damit klar und finden’s geil, andere sind total verklemmt und sagen “Ihh, was ist das?’.” So wie es eben jedem mit der Musik des Gynäkologen ohne Doktortitel geht. Sicherlich auch mit seinen neuesten Projekten, einem Album namens “Porno Party” mit Mr. Long, den von ihm präsentierten Untergrund Soldaten sowie seinem neuen Solowerk “Tang Tanga 2002”, das im Dezember zu haben sein wird. Für manche vielleicht ein passendes Nikolausgeschenk...







