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Feature: Ganjaman & Junior Randy

geschrieben am 25.06.2002
von Mikko

Reggae und Berlin – spätestens seit Seeed hat diese Kombination auch über die Stadtgrenzen hinaus von sich reden gemacht. Doch außer den zweifachen Echo-Gewinnern bearbeiten täglich auch viele andere kreative Köpfe das jamaikanische Lebensgefühl in preußischen Gefilden. Zum Labelstart von MK ZWO Records fiel die Wahl auf zwei hochkarätige Reggaekünstler: Ganjaman & Junior Randy.

Ganjaman & Jr. Randy

Lange genug haben die beiden Wahlberliner ihre Stimmbänder nur für ein kleines Publikum tanzen lassen. Inzwischen quellen die Datensätze in Ganjamans Heimcomputer aber fast über, daher war es an der Zeit, daß zumindest 17 Tracks davon auf dem Debütalbum “Resonanz” endlich auch einer breiteren Masse zugänglich gemacht werden.

Ganjaman macht Reggae mit deutschen Texten, seine Botschaft ist die Liebe. Die Liebe zu Gott und die Liebe zwischen den Menschen, gepaart mit dem Wunsch nach einer neuen Weltordnung. Dabei orientiert sich sein Vokabular stark an den biblisch geprägten Texten der Rastafaris, was unbedarfte Hörer zunächst irritiert. Wie viele Reggaemusiker spricht auch Ganjaman von Babylon, wenn er das politische und wirtschaftliche System der westlichen Welt meint. Gemeinsam mit seinem Partner Junior Randy möchte er seine Hörer aufwecken und zum Nachdenken motivieren: “Viele Leute hören Bob Marleys Lieder, aber sie verstehen die Texte eigentlich gar nicht – wir helfen, indem wir die Botschaften übersetzen.”

Politische Betätigung hat Stefan quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Aufgewachsen in einem besetzten Haus in Schöneberg, verteilte er schon früh Flugblätter für die Antifa. Randy traf er, als seine Familie nach Neukölln umzog. Der hatte indessen ganz andere Betätigungsfelder gefunden: “Hier in den Außenbezirken tickten die Uhren etwas anders, die Gesinnungen sind nicht so liberal wie in Kreuzberg, und so war ich für ein Jahr lang eine Glatze.”

zugehörige VÖs:

Ganjaman & Jr. Randy - Resonanz (Album - 07/2002)
Ganjaman feat. Jr. Randy - Resonanz Ganjaman feat. Jr. Randy - Resonanz (CD, MK ZWO Records, 2002 )
Ganjaman feat. Jr. Randy - Resonanz Ganjaman feat. Jr. Randy - Resonanz (DLP, MK ZWO Records, 2002 )

Doch diese pubertäre Phase war vorbei, als Randy mit Reggae in Berührung kam. Randy: “In unserem Viertel gab es ein Stück besetztes Land, das wir das Rasta-Camp nannten. Dort trafen die verschiedensten Menschen aufeinander und gingen friedlich miteinander um – das hat mir gefallen.” Die Liebe zur Musik verband Randy mit Ganjaman, und so kam es, daß sie sich fortan gemeinsam im Singen und Chanten, im Rappen und Toasten übten. “Wir versuchen, möglichst alle Stile zwischen klassischem Roots-Reggae, Raggamuffin und Dancehall zu verbinden”, erläutert Stefan, der sich auch in der Tradition von Liedermachern wie Hannes Wader sieht. In seinem Plattenregal steht Rio Reiser ganz selbstverständlich neben Pink Floyd und dem Wu-Tang Clan.

Doch auch, wenn die Liebe das große Ziel ist, so heißt das noch lange nicht, daß zu den karibischen Rhythmen nur sanfte Töne angeschlagen werden. Im Gegenteil, die beiden sprechen auf Ganjamans Album nicht nur die Namen von Bundespolitikern, sondern auch die von kirchlichen Würdenträgern aus: “Ich sah den Teufel/Er stellte seinen Thron/Mitten ins Herz von Rom” reimen die beiden und wollen damit bewußt provozieren. “Ich weiß, daß das radikal klingt, aber anders erreichen wir die Leute nicht”, erklärt Randy und betont, daß er zwar nicht an Religionen glaube, aber durchaus an die Schöpfung. Manchmal sagt er Sachen wie “Geld gehört zum satanischen Prinzip, es entzweit die Menschen”, und meint das völlig ernst. Er lebt in den Gedanken seines Gottes, Ras Tafari alias Haile Sellassie. Doch es wäre keine Reggaemusik, wenn bei der harten Themenwahl der Spaß zu kurz käme. Mit Humor reimen sich die beiden durch ihr Universum. Kolumbus ist für sie ein Pirat, seine Entdeckungsreise der Anfang vom Ende. “Mit dem Dreieckshandel haben die Europäer den gesamten schwarzen Kontinent versklavt und entvölkert, nur um einen dritten (Amerika) wirtschaftlich auszubeuten”, untermauert Ganjaman seine These. Manchmal fühlt er sich, wie in einem brennenden Haus: “Dann klingele ich bei meinem Nachbarn und will ihn warnen, aber der reibt sich nur den Schlaf aus den Augen und knallt mir wieder die Tür vor der Nase zu!”

Aufgaben gibt es also viele, aber die beiden geben sich nicht der Illusion hin, die Welt verändern zu können. Aber zumindest wollen sie auch nicht tatenlos zusehen, wie die Welt zugrunde geht. Das erfordert immer neue Ansätze und Textideen, aber das ist kein Problem, denn Randy hat viel gelesen. Hesse ist ihm genauso vertraut, wie die philosophischen Theorien von Laotse oder Macchiavelli. Auf “Resonanz” hat allerdings Ganjaman den Großteil der Texte geschrieben und musikalisch im Alleingang komponiert, arrangiert und programmiert. Daher trägt das Album seinen Namen, auch wenn ihm das selber eher unangenehm ist: “Diesmal featuret mich Randy zwar nur, aber normalerweise sind wir Partner.”

Seit seiner Kindheit spielt Ganjaman mehrere Instrumente, unter anderem auch Schlagzeug und Saxophon. Auch diverse Studioerfahrungen hat er im Laufe seines Lebens sammeln können. Produktionen, wie für den Eichinger-Film “Harte Jungs”, sorgen dafür, daß er sich finanziell über Wasser halten kann. Randy bleibt dagegen bei artfremden Jobs. Obwohl die beiden schon seit mehreren Jahren auf der Bühne stehen, ist er sich nicht zu fein dafür, am nächsten Tag wieder zu putzen. Aber das macht ihm nichts aus: “Wir machen schon so lange Musik, ohne davon reich geworden zu sein. Irgendwann geht es nur noch um die Musik, dann ist das Geld egal.”