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Feature: Illuminaten

geschrieben am 18.05.2002
von Konrad J. Karkos

Die Zeit der Aufklärung liegt zwar schon einige Jahrhunderte zurück, doch es sieht stark danach aus, als würde im Jahre 2002 eine neue geistige Strömung beginnen. In die Rollen der damaligen Kant, Descartes oder Locke schlüpfen nun die drei MCs Floe Flex, Asek und Joka aka Ben Salomo. Zusammen bilden sie die Illuminaten, die ein Bestandteil der Berliner KaosLoge sind. Dazu kann man noch deren DJ Cashes, Damion, Chefkoch, Micro und DJ Pete zählen. Letzterer hat mit seinen Weltklasse-Produktionen die Türen für das kürzlich erschienene Illuminaten Album “Rückblick” weit aufgestoßen.

Illuminaten

“Rückblick” beinhaltet Texte, die teilweise bereits seit Jahren fertig sind und bisher nur noch den passenden Beat gesucht haben. Nachdem bereits vor circa einem Jahr über das eigens gegründete Label Tempeltainment der “Einblick”-Sampler veröffentlicht wurde, sieht es jetzt so aus, als würde erneuter Erfolg vor der Tür stehen. Doch wie bei so vielen Rap-Untergrund-Acts begann es auch bei ihnen mit einem Plastikmikrofon und einem CD-Player. Kurios bei der Entstehung der Illuminaten ist, daß alle drei im gleichen Schöneberger Viertel lebten, Floe und Ben Salomo wie durch Zufall Asek aber nie kennenlernten. Erst ein Mann namens Frank Doa sollte die Jungs zusammenbringen. Er hatte 1998 eine HipHop-Hotline eingerichtet, bei der sich Rap-Interessierte melden konnten, um bei ihm im Studio ihre Sachen aufzunehmen.

Asek hörte über einen Freund, Floe und Joka über das Radio von dem geplanten Projekt, welches später den Namen “Spreepatienten” trug. “In der Zeit der Spreepatienten hat sich sehr viel gefestigt, unsere Freundschaft, die eigenen Vorstellungen, das Musikalische, und daß wir angefangen haben, uns selbst zu bewegen” erinnert Floe. Besonders das selbständige Bewegen und Knüpfen von Kontakten sollte sich einige Jahre später als nützlich erweisen. Eine seinerzeit wöchentlich in der Tempelhofer UFA-Fabrik stattfindende Cypha namens “Rap am Mittwoch” half ihnen dabei, einen großen Teil der Berliner HipHop-Szene kennenzulernen. Von Gauner über Die Sekte bis hin zu DaForce waren alle da und Ost- wie Weststadtteile vertreten. “Es war eine Initiative der Spreepatienten, die später sogar von uns organisiert wurde. Doa hat den Laden klar gemacht, wir haben ihn geschmissen” erinnert sich Asek.

Doch die Spreepatienten waren noch zu jung und unerfahren, um den Plan des Frank Doa, talentierte Künstler unter Vertrag zu nehmen und den damaligen HipHop-Boom in Deutschland wirtschaftlich für sich zu nutzen, zu erkennen. Besonders Joka hat die damalige Situation getroffen. Er hat sie im Track “Rap Game” verarbeitet. “Ich habe das Equipment gesehen und gedacht, daß da jemand ist, der jeden Tag einen Track machen will und die Musik mit uns teilt. Aber was er im Hinterkopf hatte, ahnte ich nicht, und so habe ich einen Vertrag unterschrieben”.

zugehörige VÖs:

Illuminaten - Rückblick (EP - 07/2002)
Illuminaten - Rückblick Illuminaten - Rückblick (12", Royal Bunker, 2002 )
Illuminaten - Rückblick (Album - 07/2002)
Illuminaten - Rückblick Illuminaten - Rückblick (CD, Dackel Records, 2002 )
Illuminaten - Rückblick Illuminaten - Rückblick (CD, Tempeltainment, 2005 )

Floe dazu:“Jeder von uns hat so seine unangenehmen Erfahrungen mit Labels gemacht und könnte einen Track darüber schreiben.” Jedoch sind sich alle einig, daß sie dankbar sind, diese Erfahrung gemacht zu haben, und vor allem hätten sie sich ohne ihn nie kennengelernt. Joka weiter zum Thema: “Der Track, den ich gemacht habe, ist nicht dazu gedacht, daß dieser Produzent jetzt denkt ich disse ihn. Er ist gemacht für junge MCs, die den gleichen Weg gehen wie wir und soll sie teachen, darauf zu achten, mit wem sie es zu tun haben. Laßt Euch nicht von Materiellem blenden.” Das Thema der ersten Schritte und dazugehörigen Fehler ist nur eines von “Rückblick”. Es ist ein sehr tiefsinniges Album mit vielen Messages, bei dem versucht wird, eine Bandbreite von Themen anzusprechen, um nicht in eine spezielle Sparte gesteckt zu werden. “Wir sind Künstler, die versuchen universell zu sein. Das heißt wir können sozialkritisch sein, ohne daß wir unglaubwürdig wirken weil wir vorher einen Battletrack gemacht haben. Wir sind keine auf aggro getrimmten Cyborgs, sondern wir sind Menschen und haben Gefühle und Emotionen” sagt Joka.

Ein Ergebnis davon ist Aseks - der bisher eigentlich nur Battletracks veröffentlicht hat - “Stimmen des Gewissens” oder Floes “Mein Weg”, bei denen beide sehr persönlich werden. Die Illuminaten machen Musik für Menschen, die in der Lage sind, eigene Meinungen zu bilden und selbstständig zu denken. “Es müssen Leute sein, die bereits eine gewisse Persönlichkeit in sich tragen. Ich denke Leute, die die ganze Zeit nur Texte mit Ficken, Nutten, Blasen und so weiter hören, werden vielleicht nicht so auf unseren Style flashen. Aber ich denke, eines Tages wird sie das Ficken-Thema dann auch nicht mehr interessieren, so daß sie auf uns zurückgreifen werden” so Joka. Doch das Lyrische ist die eine Seite des Albums, die Beats die andere. Wie oben schon angesprochen, hat für diese Arbeit DJ Pete die Verantwortung übernommen. Obwohl sie sich schon etwas länger kannten, haben sich die drei erst relativ spät dazu entschlossen, Pete zu fragen, ob er Lust hätte, das Album zu produzieren. “Erst als “Einblick” draußen war und Pete gesehen hat, daß wir nicht irgendwelche Quatscher sind und die Sache ernst nehmen, haben wir ihn gefragt.” erzählt Joka. Pete sagte zu und verschanzte sich mit den dreien in seinem Studio, um an Großem zu werkeln. Einige Texte für das Album existierten ja bereits seit ca. zwei Jahren, so daß der Name “Rückblick” für sich steht. Bei RoyalBunker erschien eine fünf Track Vinyl-EP und darauf über Tempeltainment eine KaosLogen Maxi mit drei Liedern. Der zweite Teil des “Einblick”-Samplers ist ebenfalls bereits in Arbeit.

Die Illuminaten sind wahrhaftig erleuchtete Menschen, die nicht zu stolz sind, sich selbst zu kritisieren, die sich auch über ihren Stolz hinaus bei anderen Menschen entschuldigen können. Sie sind keine Verschwörungstheoretiker, sondern bauen schon seit Jahren ihre eigene Weltanschauung auf und geben sie mit Hilfe von Rap wieder. Ehrlichkeit und Authentizität haben bei den dreien Priorität, und das merkt man. Wie schrieb Kant doch gleich: “Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!”