Feature: Marcello
von Cracc
Wahrgenommen habe ich Marcello zum ersten Mal im Rahmen der Reimliga - einem losen Zusammenschluß im Internet von HipHop Aktiven. Auf deren zweiten Veröffentlichung "Reimliga 2000" befindet sich Marcellos erste Veröffentlichung "Hoppla". Danach habe ich erst wieder von ihm gehört, als mir Ronny die Vorabversion zu "Innercity Kinder" in die Hand drückte. Über "den" müsste wir einen Artikel veröffentlichen, dachte ich mir damals noch und schob die Sache vor mir her. Eine Veröffentlichung auf MK ZWO Records wurde immer konkreter. Durch meine Beteiligung am Artwork des Covers konnte ich zwar den weiteren Feinschliffprozeß seines Albums sehr nah mitverfolgen, schob aber den Artikel, in Erwartung des Endproduktes, noch länger vor mir her.

Ein paar Tage nach der Veröffentlichung seines Albums sitzt der sonst ständig unter Druck stehende Marcello entspannt bei mir im Zimmer und fummelt kaffeetrinkend an seinem Handy herum: "Endlich ist die ganze Hektik und das Warten vorbei. Ich bekomme auf einmal Feedback, man wird bestätigt - das ist ein Bombengefühl. Aber eigentlich kennt mich doch gar keiner." Da bin ich mir wiederum nicht so sicher, denn durchblättert man derzeit die deutsche HipHop Presse, kann man sich nicht gegen den Endruck erwehren, dass er überall präsent ist. Natürlich ist er kein Superstar. Aber er wird wahrgenommen und dadurch für ein breiteres Publikum zugänglich. "Wenn ich zurückdenke, habe ich es mir eigentlich so gewünscht: Ich habe ein Album hinter dem ich zu 100 Prozent stehe. Es hat zwar sieben Jahre gedauert, aber diese Zeit habe ich gebraucht, um mich zu entwickeln. Das ist jetzt mein Stil - das Album bin ich." Die Veröffentlichung des ersten Albums ist für einen Künstler ein bedeutender Moment, der gar nicht früh genug sein kann. "Klar, wenn mir das vor drei Jahren jemand ermöglicht hätte, wäre ich natürlich glücklich gewesen, aber ich weiß nicht, ob das Album richtig gut geworden wäre."
Hört man sich "Innercity Kinder" aufmerksam an, fällt in jedem Fall die gedrückte Grundstimmung auf, die in erster Linie das direkter Berliner Umfeld reflektiert: "Ich finde nicht, daß es inhaltlich soviel mit Berlin zu tun hat ...(geht Tracklist durch)...hmm, naja vielleicht von der Grundstimmung. Die Platte ist auf jeden Fall extrem, weil sie durchgehend ruhig ist. Es geht nicht um ein ausgewogenes Gesamtbild, wo alles dabei ist, sondern es ist ein Zeitzeugnis." Im Gegensatz zu anderen Berliner Kollegen, bedeutet das nicht, dem Zuhörer vom Gangsterdasein zu erzählen oder ihm gar Prügel anzudrohen. "Es kann jederzeit passieren, dass man von Punkern oder Hools in Schöneberg auf die Fresse bekommt. Oder wenn einer im Kindergarten einem anderen das Eis runterschmeißt, dann ist das auch schon Gewalt. Es ist kein HipHop Ding - in diesen Zusammenhang sollte man es auch sehen." Natürlich kann nicht behauptet werden, dass es im HipHop keine Gewalt gibt und alles Image ist. Aber wenn gar keine anderen Probleme verarbeitet werden, kann ein Künstler nur als Produkt wahrgenommen werden der seine Zielgruppe bedient.
Trotz der gedrückten Stimmung bietet "Innercity Kinder" viel Abwechslung. Das von einem jazzigen Piano und Bläsersample unterlegte "Die Stadt schläft" beschreibt eine zufällige Nacht in der Großstadt und skizziert dabei detaillierte Nuancen beliebiger Menschen und Impressionen. "Ich will gar nichts ändern, sondern die Leute sollen die Texte auf sich wirken lassen." beschreibt Marcello die Herangehensweise. Dadurch wirken er und der Gast MC Lunte wie Dokumentartexter, die einfach draufhalten und das Leben festhalten.
zugehörige VÖs:
Marcello - Whispered Silence (EP - 10/2010)
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Marcello - Musique Sentiment 2.0 (Album - 03/2009)
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Marcello - ACAB (Album - 07/2008)
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Marcello - Innercity Kinder (Album - 11/2003)
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Seine Wut bringt Marcello in "System" mit persönlichen Problemen- und allgemeinen Ansagen gemischt zum Ausdruck. "Der Song soll keine politische Aussage haben, sondern Gefühle transportieren. Wir leben doch in einer Scheindemokratie: Man kann wählen gehen, aber es ändert sich eh nix. Dann sage ich doch lieber, ich sprenge eure Autos in die Luft und lasse meinen Ärger raus. Problemen wird immer erst Aufmerksamkeit geschenkt, wenn etwas passiert ist." Diese Gedanken weiterführend, kommt er zu dem Schluß: "Die Macht des Volkes ist nicht zu unterschätzen. Der allgemeine Pöbel kann richtig gefährlich werden und eine Regierung stürzen."
In "Regen/Mein Bruder" erinnert sich Marcello wehmütig an den nie kennen gelernten Bruder. "Dieser Song ist entstanden, als ich durch den Regen gehend ein Kind im Auto sah und mir vorgestellt habe, wie dessen heile Welt nach und nach zerstört wird. Und parallel dazu wie sich mein Leben durch den Tod meines Bruders entwickelt hat. Beziehungsweise was anders gewesen wäre, wenn wir zusammen aufgewachsen wären." Durch solche Themen und die weiterführenen Gedanken prallt man an Marcello als Künstler nicht ab, sondern kann seine Persönlichkeit und sein Milieu wahrnehmen. "Ich weiß nicht, ob man außerhalb einer Großstadt alles nachvollziehen kann. Es ist Musik für gewisse Momente, der Hörer soll merken, dass auch andere reale Problemen haben." Selbst wenn man diese nicht persönlich nachvollziehen kann, bleibt die Stimmung der Songs. Das Klangbild von Musik und Stimme oder der Fluß der Reime reichen aus, um etwas positiv oder negativ aufzunehmen. Die Inhalte der Texte können diese Empfindung verstärken oder umkehren. Das Gefühl was bleibt, repräsentiert die Beziehung zum Künstler und seinem Werk. Dieses Werk bietet in seiner Gesamtheit ein akustischen Geschmack, der sehr gut abgestimmt ist.

