Feature: Roey Marquis II.
von oliversum
1989 legte ein gewisser Calogero Randazzo im Larry's Inn in Frankfurt auf, einem damals sehr bekannten Funk und Soul Club. Es sollte der Ausgangspunkt einer beispiellosen, da ebenso vielseitigen wie umtriebigen musikalischen Aktivität des Mannes werden, den heute jeder nur als Roey Marquis II. kennt. Er gründete Labels wie Ruff-N-Raw, Loose Ends, Quiet Force und zuletzt Ming Dynasty, produzierte so unterschiedliche Musikstile wie Jazz, Soul, Drum-N-Bass und natürlich HipHop. Mit seinem Solodebüt “Ming” sowie den beiden “Momentaufnahmen” veröffentlichte er einen Querschnitt durch das Who's Who deutschsprachigen Raps.

Nun liegt mit “Herzessenz” das zweite richtige Soloalbum von Roey Marquis vor, zumindest wenn man von der “Momentaufnahmen”-Serie mal absieht, die über den Untergrundstatus nicht hinauskam. Im Vergleich zum Vorgänger, der von der Stimmung her doch sehr düster und schroff war, ist “Herzessenz” vielseitiger und vielschichtiger ausgefallen. Schon ein Blick auf die Liste der beteiligten Rapper läßt das erahnen. Waren auf dem ersten Album vorrangig MCs am Werk, die man mit Attributen wie hart, deep oder ernsthaft in Verbindung bringt, so sind diesmal auch Spaßvögel wie Blumentopf, Krächzer Dendemann sowie mit Samir, Vanessa Mason und Bintia sogar Soulsänger am Mic. Der hohe Yang-Faktor von “Ming”, auf dem keine einzige Frauenstimme zu hören war, wird auch mit Pyranja und Newcomerin Karolina ins Gleichgewicht gebracht.
Einige Veränderungen also, die der Meister aber als konsequente Fortsetzung des eingeschlagenen Weges verstanden wissen will. “Als Produzent mußt du genauso wie als MC gucken, was du als nächstes machst. Ich hatte das Gefühl, was Produktion angeht ein wenig auf der Stelle zu treten. Die Leute hatten schon so eine Trademark für mich, 'Roey ist halt melancholisch'. Deswegen bin ich diesmal mehr auf Songs gegangen. Und Songs bedeutet gesungene Hooklines.”
Die Filmsamples, die einen großen Teil zur Atmosphäre auf Roeys bisherigen Veröffentlichungen beitrugen, sucht man bei “Herzessenz” vergeblich. Auch auf eine Wiederholung der soundtechnischen Umsetzung von Storytelling wie auf “Schwarzer Monolith” oder “Remote Viewing” verzichtete er. “Was sollte ich da noch toppen? Das waren Meilensteine. Wenn ich so was wiederholt hätte, hätte ich noch einen draufsetzen müssen. Aber was kann man da noch machen, außer andere Sounds oder Stories zu verwenden? Jetzt geht jeder auf Filmsamples. Das muß ich nicht auch noch, denn ich hab es ja schon gemacht. Dafür habe ich ein Intro mit Ben Becker, einen Zusammenschnitt aus 'Ben liest Klaus Kinski', sehr radikal.”
zugehörige VÖs:
Roey Marquis II. - Selected Words (Best Of - 07/2010)
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Roey Marquis II. - Beat Collection Vol. 3 (Produceralbum - 06/2007)
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Roey Marquis II. - Ming's Biosphere (Album - 03/2007)
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Roey Marquis II. - Battle of the Words Level 2 (Album - 07/2006)
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Roey Marquis II. - Samsara (Produceralbum - 06/2003)
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Roey Marquis genügt es eben nicht, Erreichtes zu verteidigen, er will den entscheidenden Schritt nach vorne machen. Dabei unterwirft er sich nach eigenen Worten dem natürlichen Wandel der Zeit. “Du darfst dich nicht an Dingen festkrallen und dich festlegen, 'Okay, das ist jetzt so!'. Dadurch entstehen Blockaden. Du mußt beweglich sein wie der Bambus.” Zu dieser Denkweise inspiriert wurde er vor allem durch seine intensive Beschäftigung mit ostasiatischer Philosophie. Das ergab sich dadurch, daß er seit fünf Jahren Taiji Chuan praktiziert. Taiji ist eine sehr alte chinesische Kampfform. Da man nicht gegen einen konkreten Gegner kämpft, wird sie auch als Schattenboxen bezeichnet. Es geht dabei um eine Bewußtmachung und damit Lenkung der Energieströme im Körper.
Als Buddhist oder Zen-Buddhist möchte Roey aber nicht bezeichnet werden. “Ich beschäftige mich mit verschiedenen Dingen. Dabei bin ich zu der Erkenntnis gelangt, daß alle den gleichen Kern haben, nur anders verpackt eben. Ob Bibel oder Koran, der Weg ist ein anderer, aber das Ziel ist immer das gleiche. Es geht um Selbstfindung und darum, Gott zu fühlen oder nahe zu sein. Der eine braucht dazu eben eine Religion als Hilfsmittel, der andere begreift früher, daß alles nur in einem selbst passiert. Mir persönlich ist der asiatische Weg einfach verständlicher als zum Beispiel die katholische Kirche.”
Der asiatische Einschlag zieht sich weiterhin durch Roeys Musik wie ein roter Faden. Somit ist “Herzessenz” nicht grundsätzlich anders, sondern die nächsthöhere Ebene. Da wir gerade beim Thema sind, läßt sich Roey über die Vorteile asiatischer Medizin aus. “In deren Vorstellung existieren Körper, Seele und Geist als Einheit. Bei uns geht man mit einem Schnupfen zum Arzt, um sich ein Medikament verschreiben zu lassen, das den Schnupfen unterdrückt und dich anderweitig krank macht. Die westliche Medizin nimmt den Körper als Krankheit. Die Ostasiaten versuchen, die Gesundheit zu erhalten. Das heißt, man geht nicht erst zum Arzt, wenn man krank ist, sondern der Arzt sorgt dafür, daß es gar nicht so weit kommt. Sobald eine Blockade entsteht, muß diese gelöst werden.”
Derartige Ansichten mögen manchem eher materialis-tisch gesinntem HipHop-Hörer fremd sein. Um Roey Marquis Musik sowie die Texte der MCs aber wirklich zu erfassen, sollte man mit derartigen Hintergründen schon vertraut sein. So basiert “E.H.M.” (Empty Handed Master) auf einer chinesischen Sage von einem Mönch, der von einem Krieger herausgefordert wird. Aphroe von RAG deutet auf seinem Track “Hingabe” den Samuraigedanken aufs Rappen um. Ein Roey Marquis-Album steht eben für anspruchsvolle Kost, auch wenn auf “Herzessenz” die Emotionen nicht mehr so einseitig im finsteren Bereich angesiedelt sind. “Es gibt Songs, die dir Hoffnung machen, solche, die dich runterziehen und welche, bei denen du lachst. “Herzessenz” ist einfach facettenreicher. Dadurch kam auch der Titel - wegen der verschiedenen Gemütszustände.”
Damit sind wir wieder bei der Musik angelangt. Es versteht sich von selbst, daß diese Roeys Lebensweise oder Lebensweisheit widerspiegelt. “Musik ist ein Teil des Geistes, wo sie entsteht.” merkt Roey an. Geist wird in unserem Sprachgebrauch ja häufig gleichgesetzt mit Verstand. Roey Marquis allerdings geht da einen Schritt weiter. Er erwähnt die Theorie C. G. Jungs, eines Freudschülers, der die Idee eines kollektiven Unterbewußtseins entwarf, das alle Menschen teilen. Durch Zugriff auf dieses gibt es beispielsweise Hellseher. Oder eben Künstler, was ja im besten Fall das gleiche ist. “Ich habe mich mit Biographien von großen Malern, Fotografen auseinandergesetzt. Die erzählen eigentlich alle dasselbe: In dem Moment, wo sie ein Kunstwerk beendet hatten, konnten sie sich nicht an den Weg dorthin erinnern. Ich glaube nicht, daß meine Musik wirklich mein Werk ist, sondern daß ich in dem Moment eben das Glück hatte, auf etwas zurückzugreifen, das jedem zugänglich ist.”
Roey ist sich der Tatsache bewußt, daß er sich in den Augen vieler Leute mit derlei Aussagen zu einem esoterischen Spinner macht. Darum ist er vorsichtig mit seinen Worten und schränkt vieles wieder ein. HipHopper sind leider nicht immer die Tolerantesten. Den einen oder anderen aber wird der Hintergrund der chinesischen Schriftzeichen auf dem Cover und der asiatischen Samples doch interessieren.
Den im Raum stehenden Vorwurf, sich gesungenen Hooks und zugänglicheren Songstrukturen etwa aus kommerziellen Gründen geöffnet zu haben, weist Roey folgerichtig zurück. “Ich mache Musik nicht, indem ich sie durchdenke. Sie kommt einfach aus mir heraus.” Er räumt aber ein, daß angesichts der Lage in der Plattenindustrie durchaus Druck von seinem Label, der BMG, vorhanden war. Vom Gejammer über böse Majors will er aber nichts hören. “Bei einem Major mußt Du Singles liefern. Gut. Wenn Du das nicht willst, wenn Du totale künstlerische Freiheit willst, dann wähle es doch!” Auf seinem eigenen Label, Ming Dynasty, passiert zur Zeit gar nichts. Es war auch nur als eine Plattform für Talente gedacht, die sich, falls es ernst wird, ein “richtiges” Label suchen sollen. Wie bereits eingangs erwähnt, war RM ja an zahlreichen Labels beteiligt, die er zur rechten Zeit auch wieder aufgab. Er geht eben, wie er es empfohlen hat, mit dem Wind. Daß seine Mucke gerade durch diese Offenheit ihre charakteristische Stimmung verbreitet, ist weit mehr als eine Vermutung.







