Feature: R&F Dope
von Cracc
“Rebel One ist seit vielen Jahren auf jeder Jam (Konzert) zu finden und ein begnadeter Freestyler, der spontan Reime auf Deutsch oder Englisch zur Musik entwickeln kann und nur so vor Textideen sprüht”, heißt es im Begleitheft zum 1994 erschienen “B-Town Flavor”-Sampler. Was Andreas Bick damals schrieb, kann man so fast zehn Jahre später immer noch auf Rebel One beziehen, nur daß er seine Textideen nun doch lieber rappt. Viele Projekte haben sich in seiner Discographie angesammelt, zum Beispiel Denots Crew “Gotta Rock” (1988), Swats “Vibrazone” (1993) oder sein Soloalbum “Rebellion” (2003). Freaky Floe rappt seit ‘96 und gründete zwei Jahre später die Nachbarschaft (NBT), in welcher auch Rebel One vertreten war. Aus dieser Ära stammt auch die NBT-Release “B-townRipShit” (2000). Später folgten noch die Soloreleases “Fresse” (2001) und “F.L.O.E.” (2002).

Gemeinsam bilden Rebel und Freaky das Duo R&F Dope, deren Debütalbum “Westberlin Kreuzberg 36” durch den Song “Alle Meine Schüler” schon einigen Staub aufgewirbelt hat. Abhandlungen über diesen Song könnt Ihr in fast allen anderen Mags nachlesen. Das alte "Anpißprinzip" hat also funktioniert, und ich gebe zu, auch ich bin dadurch auf R&F Dope aufmerksam geworden. Nach Schema F paßt also alles, und an einem gelangweilten Tag nehme ich mir “Westberlin Kreuzberg 36” vor. Gähn - doch schon “4 Fäuste Für Eine Punchline” läßt zumindest musikalisch aufhorchen, und der Text entlockt mir bei “Doublereim-Strebern” ein erstes Schmunzeln. “Hip Hop Statt Allerweltspolitik” überzeugt mich dann endgültig, daß ich mit ihnen nicht nur über HipHop reden kann.
Getroffen habe ich Rebel in seiner neuen Wohnung, und die befindet sich zu meiner Verwunderung am Rand von Berlin-Lichtenberg. “Das künstlerische Schaffen ist ja nicht an den Stadtbezirk gebunden, in dem man wohnt. Ich habe Familie und mußte ständig zwischen unseren Wohnungen in Kreuzberg und Friedrichshain pendeln. Deshalb haben meine Freundin und ich entschieden, daß wir uns gemeinsam etwas preiswertes suchen. In Kreuzberg war nichts zu finden”, erklärt Rebel. Seine Beziehung zu Kreuzberg und den momentanen Veränderungen handelt er genauer in “Mein Viertel” ab, und weitere Fragen meinerseits erübrigen sich.
Da ich bereits im Intro von MK ZWO #43 eine tiefere Beziehung zum Song “Züge Nach A” angedeutet habe, dreht Rebel kurzerhand den Spieß um und interviewt mich: “Was hast Du da eigentlich gemeint?” Diese Frage zu beantworten, fällt mir unendlich schwer, da dieser Song genau mit meinem persönlichen Tiefstpunkt zusammenfiel, an dem sich meine Beziehung zur Welt, meiner Familie und meinen Freunden endgültig geändert hat. Als ich das Stichwort "Schwarze Pädagogik" nenne, verweist Rebel auf das Buch “Am Anfang war Erziehung” von Alice Miller: “In diesem Buch werden drei verschiedene Kindheiten analysiert, und Miller stellt die Theorie auf, daß ein Mensch sehr stark durch Erziehung geformt wird.” Meine nachträglichen Recherchen zur Autorin ergeben, daß sie im Bereich Psychologie sehr polarisierend wirkt. “...sie meint mit ihrer Theorie über die Schwarze Pädagogik die komplette Weltgeschichte erklären zu können”, steht in einer Internetrezension. Zusammengefaßt: Wie der Song, kann auch Alice Miller nur ein Puzzleteil sein.
zugehörige VÖs:
R&F Dope - WestBerlin Kreuzberg 36 (Album - 02/2003)
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So ähnlich verhält es sich auch mit anderen Songs des Albums. Die Voraussetzungen, die Texte zu verstehen, liegen um ein Vielfaches höher, als bei den heutigen Durchschnittsrappern. “Dein Fleisch Und Blut” könnte man als Einstieg benutzen, um Lexika und Bücher kennenzulernen. “Letztendlich besagt der Song, daß alle Menschen eine Familie sind, aus der die Geschichte resultiert und unsere heutigen Systeme hervorgegangen sind.” Da der Song nur Stichworte liefert, muß man sich schon selbst mit Geschichte beschäftigen, um sich ein Weltbild zu bauen. Der einfache Weg wäre natürlich eins von der Stange.
Und das Thema schwenkt zum Biten. Ähnlich sieht es ja auch mit Kunst aus. Geht man den einfachen Weg, nimmt man einen erfolgreichen Stil und macht etwas daraus oder man schafft etwas eigenes. Dennoch wird jeder bewußt oder unbewußt durch andere Werke beeinflußt. Wo kann also die Grenze zwischen Inspirieren und Biten gezogen werden? Hier wird es offensichtlich sehr diffus, denn es gibt bereits Uneinigkeit, ob man einen Stil bitet oder adaptiert. “Wenn ich zum Beispiel den Snoop Stil in deutsch mache, weil ich ihn respektiere und mir sehr viel Arbeit mache, den Flow ins Deutsche zu übertragen, schaffe ich etwas Neues, was durch Inspiration entstanden ist. Wenn das dann in Deutschland einfach jemand nachmacht, nenne ich das biten.” Wie bitte soll denn nun aber ein Außenstehender entscheiden, was inspiriert und was geklaut ist? “Aus Respekt sollte man die Quellen angeben, wo es her kam.” Um Entwicklungen zu dokumentieren und Bezichtigungen vorzubeugen, wäre dieser Weg durchaus eine Lösung. “Berlin, Berlin” ist so ein Fall: Grandmaster Flash und Pharcyde sind die ungenannten Paten. Doch gehören diese Inspiratoren zur heutigen Allgemeinbildung eines 15jährigen? Bei einigen Exemplaren wagt man sogar zu bezweifeln, daß sie durch die deutschen Worte die Melodie wiedererkennen würden.
Nochmals auf das häßliche R&F Dope Cover angesprochen, begründet dies Rebel: “Wir wollten einfach optisch die Westberlinstyle-Anhänger ködern und ihnen zeigen, daß es in Berlin noch etwas anderes gibt.”



