Feature: Scene-Releases – Struktur und die Folgen
von Cracc
Durch meine redaktionelle Arbeit komme ich stets mit dem Thema „Illegale Downloads“ speziell im Bereich Musik in Berührung. Da ich die Entwicklung seit Mitte der 90er Jahre beobachte und durch viele zufällige Kontakte ein paar Hintergrundinformation besitze, bin ich immer wieder erstaunt, wie wenig sensibel mit Daten von Seiten der Künstler und Labels umgegangen wird. Das liegt einerseits an Naivität andererseits aber auch an Unwissenheit über die sehr gut organisierten Strukturen und die Gründe, wie und warum die Alben meistens vor Veröffentlichung ins Internet gelangen.

In der sogenannten „Scene“ gibt es verschiedene Releasegroups (1), die für die unautorisierte Veröffentlichung von Musik, Filmen und Software verantwortlich sind – sogenannte Warez (2). Diese Release-Groups agieren ähnlich wie Graffiti-Groups. Sie versuchen ihren Namen bekannt zu machen, indem sie als erste eine vollständige funktionierende Version ins Internet stellen. Bei Musik bedeutet das also, in den Besitz einer kompletten Version der CD zu kommen, die später im Handel erscheinen wird. Deshalb sind Release-Groups darauf angewiesen, Mitglieder in Redaktionen oder Presswerken (Supplier) zu besitzen, die möglichst zeitig und verlässlich die Ware zuarbeiten. Die anderen Mitglieder solcher Gruppen kümmern sich dann um die technischen Details, wie Rippen, Packen und Verteilen. Die Struktur der Groups variiert dabei und ist vom Themengebiet abhängig. So brauchen Software-Groups zusätzlich Cracker, die den Kopierschutz aushebeln oder Module programmieren, die ein Dongle simulieren. Genauer kann man das im Wikipedia-Artikel zu „Release Groups“ (1) nachlesen. Es gibt eine fürs Internet fiktive produzierte Serie „The Scene“ (3), die am Beispiel von Film-Releases den Ablauf und die Hintergründe in 19 Episoden ausführlich erklärt. In dieser Serie sieht man von den Mitglieder der Group CPX stets nur die Destops ihrer Rechner. Mit verschiedene Chatprogrammen organisieren sie sich und spinnen Intrigen. Untereinander kennen sie nur die virtuellen Identität der anderen Mitglieder. Das wird in der Realität genauso sein.
Release-Groups, die sich auf deutschsprachigen Hip Hop konzentrieren, tragen Namen wie UMT, NoiR, YSP, OMA, VOiCE oder hbZ. Diese Gruppen laden die Release auf nur Szene-Mitgliedern zugänglichen FTP-Server hoch. Von dort aus gelangen die Dateien weiter auf andere Server oder sie werden auf One-Click Hoster wie Rapidshare oder Netload hochgeladen. Diese Links werden auf bekannten Seiten und Boards gepostet und gelangen zum Endkunden. Es gibt aber auch Server, die nicht so einfach sichtbar werden und nur gegen eine Abozahlung zugänglich sind. Die bekanntesten Fälle in Deutschland waren 2004 „ftp-welt“ (4) und 2005 „Bockwurst Files“ (5). Natürlich gibt es auch andere Wege, wie Tauschbörsen, wo Endkunden Musikstücke ins Internet stellen und tauschen. Das verschärft die Problematik zwar, ist aber nicht so kritisch, da die Alben erst nach Veröffentlichung ins Internet gelangen und die Identität der Täter meist durch deren dilettantisches Vorgehen festgestellt werden kann.
Seiten wie fettrap zu schließen, würde User nur kurzfristig davon abhalten, über die gewohnten Wege an die neusten Dateien zu kommen. Denn es gibt stets neue unbekanntere Seiten, die den gleichen „Service“ bieten. Der einzige Weg für einen Künstler den frühen Weg ins Internet zu unterbinden ist, verlässliche Strukturen zu schaffen oder spezielle Versionen an Redakteure zu verteilen. Das können zum einen unvollständige Releases, wie ausführliche Snippets, sein oder mit einem Audio-Wasserzeichen versehen Versionen, die das entsprechende Leck aufzeigen.

„Momentan halt ich es so, nur persönlich ausgewählte Redakteure zu bemustern. Dann verengt sich der Kreis der "Verdächtigen"“ gibt mir Morlockk Dilemma Auskunft, der vor Jahren einen Redakteur identifizieren konnte und diesem 2008 den Song „Bootlegdeath“ widmete. Dass dieser Weg aber nur bedingt Erfolg hat, zeigt sich am Beispiel eines Hamburger Rappers, dessen Album zwei Wochen vor Veröffentlichung ins Internet gelangte. Die CD war nach seiner Auskunft bis dato nur in drei Redaktionen gegeben worden. Da ich mein Exemplar erst einen Tag nach Internet-Veröffentlichung von der Post abgeholt hatte, schied ich glücklicher Weise als Verdächtiger aus. Die daraufhin übrig gebliebenen, ließen den Rapper nachdenklich werden: rap.de und backspin. Als andere Möglichkeit blieb nur, dass es im Presswerk oder im ganz engen Freundeskreis eine undichte Stelle gegeben hatte.
Auf jeden Fall wird an diesem Beispiel klar, dass auch bei noch so großer Vorsicht der Supergau eintreten kann, indem das Album vor dem offiziellen Verkaufsstart im Internet auftaucht. Aber was dann? Künstler mit einer größeren Fanbase nutzen diese, um gemeinsam nach Links bei One-Click Hostern zu suchen und diese per Abuse-Meldung offline nehmen zu lassen. Dazu muss eine nicht unaufwendige Prozedur durchlaufen und nachgewiesen werden, dass man im Besitz der Copyrights ist (6). Der Berliner Künstler LMNZ schrieb mir dazu, dass er sich zum Melden solcher Links extra bei dem Hoster anmelden musste. Ohne rechtzeitiges Abmelden wäre dann noch eine Nutzungsgebühr fällig geworden.

Jeder Scene-Release liegt auch die sogenannte „nfo“-Datei bei. Das ist ein Beipackzettel, auf dem Details vermerkt sind. In aufwendiger ASCII-Kunst (7) wird im Kopf der Groupname gezeigt, dann folgen Informationen. Dort man das Rip-Datum, welches identisch mit dem Scene-Releasedatum ist. Achtung: hier wird das amerikanische Datumsformat verwendet, dadurch man schnell bei der Interpretation durcheinander kommen. „Type/Source“ ist auch interessant, wenn dort CDDA steht, ist damit eine Audio-CD als Quellmaterial gemeint. Dadurch würde jemand, den man eine mp3-Version gegeben hat, ausscheiden. Bei all diesen Detektivspielen kann man aber auch Fehlschlüsse ziehen und leicht einen Falschen beschuldigen. Wirklich sicher wäre nur eine personalisierte Promoversion oder noch besser, gar keine Promoalben heraus zu geben. Pottweiler geht so weit, Promoanfragen abzubügeln, indem aufgefordert wird, das Album für die journalistische Arbeit gefälligst selbst zu kaufen.
Spätesten ein bis zwei Tage vor Veröffentlichung müssen die CDs auf den Weg in die Läden sein. Dabei gehen die Objekte der Begierde auf Fälle durch die Hand eines Suppliers. Genau darin liegt auch der Grund warum aktuell die Berlins Most Wanted CD pünktlich zwei Tage vor Veröffentlichung im Netz zu finden war. Das ist ärgerlich, aber mit vertretbaren Aufwand nicht zu verhindern.
Morlockk Dilemma kann dieser unvermeidbaren Internetsache sogar Positives abgewinnen: „Am Ende sollte man diese illegale Downloaderei auch auch als Form der Promo sehen. Ich geh nicht davon aus, dass jeder Downloader auch unbedingt die CD gekauft hätte. Diejenigen, die man auf diese Art der Verbreitung von seinem Schaffen überzeugt, kommen dann auch auf Konzerte und verschaffen einem Gagen oder kaufen auch ein Shirt oder Vinyl. Das raffen die Leute auch: Wenn mir etwas gefällt, supporte ich den Act auch. Die CD oder Platte landet dann auf einem Ehrenplatz in der WG-Küche. Die Mucke ist bis dahin längst schon irgendwie auf dem I-pod.“
Und ehrlich gesagt, ist die Qualität der Internetreleases selbst mit variabler Bitrate immer noch so schlecht, dass jeder Musikliebhaber, schon um die Ohren zu schützen, zum Originalprodukt greifen sollte. Wenn man eine lange Zeit mp3 Musik gewöhnt ist und dann auf einer guten Anlage den warmen Sound einer Vinylplatte hört, kann man die akustischen Zombies nur bedauern, wenn sie sich jeden Tag ihr digitales Fast-Food-Menu reinziehen und sich so jeden Hörgenuss selbst verwehren. Und diesen Fast-Food-Vergleich kann man sogar auf die Strukturen des Vertriebs erweitern: Die stattfindende Verdrängung ist nicht aufzuhalten, da es einfach zu bequem ist, am Drive-In zu halten. Da das Glücksgefühl beim Genuss eines perfekten Dinners etwas anderes ist, werden gute Restaurants immer ihre Stammkundschaft haben - solange sie Qualität liefern.
- http://de.wikipedia.org/wiki/Releasegroup
- http://de.wikipedia.org/wiki/Warez
- http://de.wikipedia.org/wiki/The_Scene_(Serie)
- http://www.golem.de/0409/33617.html
- http://www.golem.de/0502/36049.html
- http://kugelfisch.wordpress.com/2007/12/03/rapidshare-wie-leicht-haben-es-petzen-wirklich/
- http://de.wikipedia.org/wiki/ASCII-Art



