Feature: Spax
von Staiger
"Ich würde mich nie als der deutsche KRS 1 bezeichnen, aber ich fühle mich mit ihm verbunden, auch wenn das jetzt blöd klingt. Noch bevor KRS 1 in einem Interview gesagt hat, daß Rap sein Hund sei, der ihn überall hin begleitet, habe ich in HipHop eine Sache für mich entdeckt, die genau das repräsentiert, was ich als Person bin. Jemand, der sich auf ' ne Bühne stellt und gern redet. Ich rede unendlich. Ich bewege mich mit Rap auf diesem Planeten und nehm ihn einfach auch überall mit hin. Ob das jetzt in meinem scheiß Wohnzimmer ist oder in der U-Bahn oder eben auch in Polen."

Polen Slubice ist die kleine Grenzstadt auf der polnischen Seite gegenüber von Frankfurt/Oder. Ace hatte das organisiert. Ace war der Organisator des A-Teams und für diese Aktion verantwortlich. Wer welche Plattenkiste zu tragen hatte, die beiden Technics 1200 und noch mehr Platten. All das wollte gerecht verteilt sein. Ace hatte das im Griff, wie gesagt er war der Organisator und verstand sich auf solche Aktionen. Es war ausgemacht, daß wir die Brücke über die Oder nur zu Fuß überqueren sollten, aus welchen Gründen auch immer, da hatten wir vollstes Vertrauen in Ace.
Also gingen wir los mit unserem Gepäck, und schließlich waren wir dann doch drüben. Der Ort, wo Teil 2 des Plans ausgeführt werden sollte wurde uns gezeigt.
Teil 2 des Planes sah folgendermaßen aus: Spax der Improvisator sollte rocken während Domain die Technics 1200 bedienen sollte. Das ganze Ding mußte brennen.
Die Ausgangslage war kritisch, denn zur Verfügung standen uns nur Monitorboxen und eine mittelalterliche PA, die auch erwartungsgemäß nach der Hälfte des Abends ihren Geist aufgaben.
Trotzdem funktionierte es. Spax brannte trotz aller Verständigungsschwierigkeiten und das Plublikum von beiden Seiten der Grenze kam auf seine Kosten. Nur Ace der zusätzlich noch das finanzielle Risiko der Aktion auf sich genommen hatte, schaute am Ende des Abends etwas unglücklich drein. Spax aber der Improvisator, baute ihn mit einem kleinen KRS 1 Zitat wieder auf. "The New York rap flow was for fun, and if the money comes the money comes."
"Darum gehts einfach. Du rappst irgendwie für dich selber, du hast deinen Spaß dabei, und wenn das Geld kommt und das Geld kommt, dann ist es auch gut, aber man sollte dieses Gefühl dazu beibehalten. Und wenn ich jetzt mehr oder weniger erfolgreich bin und was geschafft habe, dann nur deshalb, weil ich dieses Gefühl beibehalten habe. Ich kann nur das machen, was ich mache, wenn ich Kontakte zu den Leuten in den Städten halte, weil es ein persönliches Ding ist, und so ist meine Vorgehensweise."
Spax kennt eigentlich jeder, der schon mal auf einer Jam zwischen den viel zitierten Kiels und Biels war. Spax war wirklich schon in fast jeder Stadt des Universums, was dazu führt, daß ihn manche Menschen von der Presse nicht mehr so richtig einordnen können. Die Bravo redet dann von einem Rapper aus Hamburg, und die Musikwoche verkündet ihn als neuen Rapper aus dem Ruhrgebiet. Dabei ist Spax schlicht und einfach aus Schüttorf, einem Ort an der niederländischen Grenze, den kein Mensch kennt und in dem, bis auf Spax, die jungen Menschen gerne mal nach Holland fahren um in Kaffegeschäften einzukaufen.
Schüttorf auf jeden Fall kein Ort, in dem man Platten machen kann, die "direkt aus Schüttorf" heißen, oder den man in irgendeiner anderen Form representen kann.
"Wen soll ich denn in Schüttorf repräsentieren. Die Leute, die heute bei mir ankommen und meinen, ich sollte doch Schüttorf repräsentieren, haben sich, als ich angefangen habe, einen Scheiß um mich gekümmert. Die waren 12 und wollten Mofa fahren.
Wenn ich etwas repräsentieren soll, dann repräsentiere ich HipHop und die HipHop Szene." Wenn auch manchmal unter Schmerzen, denn den typischen deutschen HipHop Typen will und kann Spax nicht so einfach abgeben. Die Tatsache, daß wir alle die gleiche Musik geil finden, reicht dann für ein kuscheliges "Sich-zu-hause-fühlen" doch nicht immer aus.
"Mich nervt das, wenn die Kids hier die Zusammenhänge nicht schnallen. Zum Beispiel habe ich manchmal ein Problem mit Graffiti, wenn es an andere Kunstwerke geht zum Beispiel, an Skulpturen oder so. Auch haben die Graffitileute einen Teil der Jams kaputt gemacht, weil sie in der Location selbst getagt haben und uns dann die Location weggenommen wurde. Das sind im Prinzip ganz einfache Sachen, und ich geh' jetzt auch nicht hin und sage: "ihr Vollidioten oder ich gebe euch keinen Respekt mehr für das, was ihr macht", aber ich denke, da muß man einfach ein bißchen weiterdenken."
Mehr denken, besser denken und vor allem offener sein. Auch in Sachen Musik sieht sich Spax eher als Grenzgänger zwischen Jazz und Rock, Prodigy und den Chemical Brothers. Immer versucht er, der manchmal "criminal minded" Szene den "open minded" Spax entgegenzusetzen, wobei ihm die Kultur sicher Recht geben wird.
zugehörige VÖs:
Spax - Wie Alles Begann (Single - 07/2003)
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Spax - Engel & Ratten (Album - 06/2003)
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Spax - Kriegstagebuch (Single - 03/2003)
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Spax - Blink Blink (Single - 11/2001)
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Spax - Du Hast Den Style (Single - 11/2000)
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"HipHop ist einfach eine kreative Collagenkultur, und wenn 1997 jemand glaubt, ein Beat müsse monoton sein, es muß auf jeden Fall eine alte Funkscheibe drin sein und das alles muß so klingen wie Premier, dann hat er HipHop nicht verstanden." Und darum gehts, HipHop zu verstehen, ihn zu leben. Trotzdem taucht bei der ganzen Experimentierfreude irgendwann einmal die nervende Credibilityfrage auf, das keep it real, oder anders gefragt, warum ist Bürger Lars Dietrich, wenn er sich dem deutschen Schlager öffnet nicht mehr credibil?
"Style is a state of mind. Man hört den Anspruch raus. Im künstlerischen Bereich ist es immer schwierig, Qualität festzustellen. Aber wenn mir jemand vorwirft, ich würde Popmusik machen, dann soll er sich ein Konzert von mir anschauen." Und dort wird ihm dann gezeigt werden, "the real HipHop is over here." Nicht zuletzt durch die Anwesenheit seines DJ's Mirko Machine sind Spaxens Auftritte tatsächliche Brenner. Spax ist ein MC und das nimmt er dann auch wörtlich. Spax arbeitet für den Titel " MEISTER der Zeremonie." Wer ihn mit Mirko als Vorgruppe von Jeru the Damaja gesehen hat, kann das sicher bestätigen. Wahrhafte Entertainerqualitäten wurden ihm da bescheinigt, so daß er selbst im direkten Vergleich mit dem amerikanischen so called Idol, absolut überzeugen konnte.
"Das sagt mir nur, daß ich diesen Leuten in nichts nachstehe, und deshalb ist es für mich auch keine übernommenen Kultur. Die deutschen Rapkids müssen sich einfach mal dran gewöhnen, daß hier Leute genauso fähig sind, Dinge zu machen, wie die Amerikaner. Auch wenn sie keine dunkle Hautfarbe haben. Es geht nicht darum schwarz zu sein und aus den Projects zu kommen. Es geht um Rap. Entweder hast du das in Dir oder eben nicht."
Spax nimmt den internationalen Anspruch von HipHop einfach ernst und beruft sich auf den multikulturellen Ursprung unserer Kultur. Wie zu Beginn selbstverständlich Latinos, Italiener, Chinesen und Schwarze dabei waren, genauso selbstverständlich möchte er es sehen, daß sich deutschsprachige Künstler des Ausdrucksmittels HipHop bedienen.
Wie kommt man jetzt aber dazu, als deutscher Künstler Vorgruppe von Jeru zu werden, oder noch wichtiger, wie kommt man als deutscher Künstler überhaupt auf ein amerikanisches Plattenlabel wie Payday, das immerhin neben Jeru auch solche Leute wie Showbiz and AG gesigned hat.
"Also ich bin eigentlich bei Motor, wo auch die Bianca loves... rausgekommen ist und Motor gehört der Polygram. Payday gehört auch der Polygram und da kamen die auf die Idee mich auf Payday rauszubringen. Nun ist es aber nicht so einfach auf Payday zu kommen, weil die so Leute wie Group Home haben (gehabt haben, anm. d. Red), die eben auch Credibility besitzen. Ich sollte dann einen Termin mit denen haben, das hat aber meine Plattenfirma verzockt und dann bin ich eben selbst dahin gefahren, nach New York. Bin in deren Büro und hab ihnen meine Platte in die Hand gedrückt. Die fanden das gut und so habe ich erstmal den Deal bekommen, hier in Deutschland mit Jeru auf Tour zu gehen. Der Typ von Payday ist dann nach Deutschland gekommen und es ging darum ob ich jetzt was bei ihm machen kann. Der hat gemeint, die Sachen sind cool, aber er würde eben nicht verstehen, was ich singe, er müßte jemanden fragen, dem er vertrauen könne. Dann hat er bei Richard angerufen, mit dem ich damals eigentlich einige Meinungsverschiedenheiten hatte. Richard hat dann aber zu dem Typ von Payday gesagt: also Spax ist ein Riesenarschloch, aber in jedem Fall ist er ein würdiger Paydaykünstler. Und so war ich dann auf Payday."
Frech kommt also doch weiter und Glück muß der Mensch haben. Doch das ist nur die eine Hälfte, wenn überhaupt soviel, denn eigentlich ist es kein Glück sondern ganz einfach Geschäft, und Geschäfte betreibt man am besten profesionell und konsequent. Eine Einstellung, die sich unter deutschen HipHops noch nicht etabliert hat, was schwerwiegende Folgen haben könnte. Denn wenn die Popindustrie tatsächlich wie Spax behauptet, immer Interesse an Deutsch-HipHop hat, und es unvermeidlich ist, da mitzuspielen, dann ist es höchste Zeit, die Spielregeln kennenzulernen und seine eigenen aufzustellen.
"Viele Leute, die in Deutschland HipHop machen kümmern sich nur um die Musik und nicht um ihr Business, aus Angst davor gedißt zu werden, sie würden Sellout machen. Sellout kann aber auch heißen, passiv zu bleiben. Denn dann verkaufe ich nämlich auch etwas. Dann verkaufe ich mein Talent und meinen guten Willen unter Wert."
Wenn es jetzt also so aussieht, wie es aussieht, daß man auch als Deutschrapper Platten machen kann, wenn man sogar sein Geld damit verdienen könnte, und wenn wir es leider trotz diesem HipHop Boom nicht schaffen, tragfähige Independentstrukturen aufzubauen, sondern immer wieder mit Majorfirmen dealen müssen, dann ist es absolut notwendig, daß wir den größtmöglichen Einfluß darauf haben, wenn uns HipHop am Herzen liegt. Eben so wie Spax, der seine Plattenfirma darauf vorbereitet hat., daß er das Sagen hat und der seine Produkte von A-Z betreut. Masteringstudio, Coverkonzept, Schriftart etc. Was er nicht selber macht, dazu wird er befragt. Wie weit das wirklich geht, und wie lange er das so halten kann, vor allem bei zunehmendem Erfolg, das ist eine andere Geschichte, aber zumindest sichert ihm dieser Ansatz ein unüblich großes Mitspracherecht.
"Ich denke schon, daß das unüblich ist, aber nur aus dem Grund, weil sich die meisten Rappappnasen hier nicht darum kümmern, was sie da tun." Und nicht, weil sie nicht können, sondern weil den meisten der Wille fehlt sich damit auseinanderzusetzen. Das fängt bei den Texten an, geht bei der Bühnenshow weiter und hört mit dem Image auf, mit dem sich manche Rapper verkaufen lassen, oder verkaufen wollen. Bad boys move in silence! Und deshalb noch zum Schluß ein KRS 1 Lieblingszitat von Spax.
"Ich wünsche euch nicht viel Glück sondern einen guten Willen!"
Friede!

