Feature: Spax
von Hülse
Manchmal ist es schon kurios, unter welchen Umständen Interviews entstehen. Im Fall von Spax war es nicht nur kurios, sondern auch kompliziert, waren doch nach dem offiziellen Pressetermin noch Fragen offen und ein zweites Gespräch notwendig. Das ergab sich einige Tage später via Handy, als Spax gerade mal wieder mit dem Zug durch Deutschland jettete. Am Ende hatte ich dann anderthalb Stunden Material, wobei es durchaus noch mehr hätte sein können.

Warum? Weil Spax jemand ist, der weiß worum es im HipHop geht und sich nicht engstirnig nur auf HipHop begrenzt. Er schaut gern mal über den eigenen Tellerrand, um Inspirationen zu bekommen und HipHop weiterzuentwickeln. Das kann man auf seinem neuen Album "Alles Relativ" sehr gut nachhören. Ein vielschichtiges Album, das sich nicht wirklich festlegt und einen recht guten Einblick in die Gedankenwelt von Spax gibt. Aber gerade dieses Nicht-festlegen-wollen wird ihm von Seiten der anwesenden Fragesteller schwer angekreidet, ergibt sich doch daraus eine gewisse Schwammigkeit in Bezug auf seine textlichen Aussagen.
Das wird von Spax auch nicht groß geleugnet, sondern eher noch bestätigt. Er geht sogar so weit zu behaupten, dass diese Schwammigkeit ein wesentlicher Charakterzug seiner selbst sei. Dennoch ist Spax nicht jemand, der keine Aussagen hat. Vielmehr ist er ein Meister der vorsichtigen Diplomatie. Jemand, der lieber zweimal nachdenkt bevor er etwas sagt und dann vielleicht auch noch etwas Falsches. Er wägt ab, versucht zu hinterfragen, das Gesamtbild zu sehen und letztlich zu beschreiben, ohne dabei jemanden Unrecht zu tun. So vertritt er zwar seine Meinung, lässt den dem Zuhörer aber die Option, selbst zu urteilen. Dass das privat durchaus anders sein kann, gesteht er ohne Widerspruch ein, gibt aber zu verstehen, dass wer auf der Bühne steht oder eine Platte macht, auch eine gewisse Verantwortung trägt. Weil das Publikum, ob man es nun darauf anlegt oder es einem scheißegal ist, einen immer in eine Vorbildfunktion pressen wird. Egal, ob ein Künstler sich dagegen wehrt oder nicht, die Leute wollen sein wie er und nehmen alles, was er sagt, für bare Münze.
Laut Spax' Erfahrungen gibt es noch viele Leute, die nicht differenzieren können zwischen der Realität und der Realität in den Raps. Die sich hundertprozentig identifizieren, ohne zu hinterfragen oder Distanz zum Gesagten zu bewahren. Das ist auch einer der Gründe, warum sich Spax für eine größere Sensibilität mit den Inhalten ausspricht. Das diese Sensibilität durchaus vorhanden ist, wird klar, als ich Spax frage, warum denn die meisten Battles in Deutschland so unpersönlich wären? Weil sich die meisten eh' alle kennen und selten mal jemand bereit ist, Verantwortung für das Gesagte zu übernehmen. Außerdem könnten viele nicht zwischen Privatem und Musik trennen. Worin liegt das Problem, jemandem zu sagen, dass man seine Musik nicht mag, aber trotzdem cool mit ihm zu sein? Das sind Dinge, die Spax nicht versteht. Wenn jemand keinen Bock auf seine Musik hätte, wäre das in Ordnung. Es würde ihn schon ein wenig frustrieren, aber er würde deshalb noch niemanden anpissen. Solange die Kritik angebracht ist und angemessen begründet werden kann, gibt es für Spax kein Problem. Im Gegenteil - er versucht zu lernen, Fehler zu erkennen und sich ständig neuen Input geben zu lassen. Dinge, die er braucht um sich weiterzuentwickeln und zu lernen. Niemand ist perfekt und weiß alles.
zugehörige VÖs:
Spax - Wie Alles Begann (Single - 07/2003)
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Spax - Engel & Ratten (Album - 06/2003)
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Spax - Kriegstagebuch (Single - 03/2003)
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Spax - Blink Blink (Single - 11/2001)
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Spax - Du Hast Den Style (Single - 11/2000)
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In diesem Sinne ist er HipHop sehr dankbar, denn ohne HipHop wäre er nicht der Mensch, der er ist. Ohne die ganzen US-Rapper hätte er sich nie für bestimmte Dinge interessiert. Aber dadurch, dass sie darüber sprechen, wird sein Interesse an Dingen geweckt, er versucht zu begreifen und zu verstehen. Nicht nur den Ami-Rappern ist er dankbar, auch einem Dendemann, der mit einem Track wie "Die Omi aus dem ersten Stock" indirekt dazu auffordert darauf zu achten, was in unserem Umfeld passiert. Für Spax ist alles ein ständiges Geben und Nehmen. Deshalb hört er nicht nur zu, sondern versucht durch seine Raps auch etwas zu geben, indem er seine Sicht der Dinge mitteilt, ohne dabei lehrerhaft wirken zu wollen. Nicht, dass er etwas gegen diese Position hat, aber das Publikum soll entscheiden, ob es sich Denkanstöße geben lassen will. Spax erzählt, worauf er Rock hat, sei es etwas HipHop-Spezifisches oder einfach persönliche Gedanken. Selbst ein Liebeslied, na und? Er hat schon lange kein Problem mehr, sich vor Publikum zu offenbaren. Einerseits weil er so denkt und fühlt, andererseits weil er jedem damit die Möglichkeit gibt, ihn als normalen Menschen und nicht als Superstar, zu dem ihn die Leute machen wollen, zu sehen. Er ist schließlich einer von ihnen.
Der Umgang mit dem Publikum ist ihm extrem wichtig, er braucht es, ohne sind Künstler nichts. So gern er HipHop für sich selbst macht, so gern macht er ihn für die Leute da draußen. Was bringt es ihm, in leeren Hallen zu spielen oder Platten zu veröffentlichen, die niemand kauft? Er versucht zu erkennen, was das Publikum von ihm verlangt und sich anzupassen. Nicht, dass er die Funktion einer Jukebox übernimmt und alles macht, was sie von ihm verlangen. Aber er respektiert das Publikum als seinen größten Kritiker überhaupt. Trotzdem versucht er sein Ding durchzuziehen, ohne jeden Scheiß mitzumachen, denn Scheiße passiert einfach schon zuviel in diesem Biz. Er möchte den Leuten zeigen, was HipHop wirklich ist: Ein Familiending, wo man füreinander Respekt hat und niemanden wegen seiner Hautfarbe oder sonst einem trivialen Grund ausgrenzt. Wer HipHop verstanden hat und sich dessen bewusst ist, gehört dazu. Man muss dazu keinen Vertrag unterzeichnen. Wer soweit ist, erkennt es von ganz alleine und sieht auch die anderen in dieser Gemeinschaft.

