Interview: Curse
von Ille
Es gibt nicht viele MCs in Deutschland, die Zwischenmenschliches so gekonnt thematisieren, wie der 27-jährige Mindener. Nach der Single „Gangsta Rap“ veröffentlicht Curse in diesen Tagen mit „Sinnflut“ sein viertes Album. Wir trafen Curse in Berlin und fragte: „Und was ist jetzt? ...“

Curse: Das ist halt die Sache, dass die Leute denken, dass es seit 5 Jahren bei mir die eine Frau gibt. Natürlich gibt es im Leben von jedem Mann ein-zwei-drei Frauen, die ihn durch die Beziehung besonders geprägt haben. Aber es ist jetzt nicht so, dass meine Songs alle von einer Person handeln. Als ich „Und Was Ist Jetzt“ geschrieben habe, da war ich schon längere Zeit total glücklich in einer Beziehung. Viele die so etwas fragen, wissen nicht, dass Texte nicht unbedingt autobiographisch sein müssen. So gibt es auf dem neuen Album einen Song „Struggle“; - das ich genau den Typen aus diesem Song im Park getroffen habe und genau das, Wort für Wort, so erzählt worden ist, wie in dem Song, stimmt ja nicht. Es ist vielmehr eine Essenzierung – genauso wie „Lass uns doch Freunde sein“ – eine Essenzierung von den Dingen ist, die mir passiert sind, aber die vielleicht auch anderen Leuten passiert sind. Mein Leben oder das was mir passiert ist, wäre vielleicht gar nicht spektakulär oder interessant genug. Mir geht’s halt darum, Storys pointiert zu erzählen und deswegen erzähle ich natürlich so einen Song wie „Und Was Ist Jetzt“ nach bestem Storytelling was mir möglich ist. Es geht mir nicht darum Tagebuch zu schreiben: Die Tapete war grün und wir tranken Cognac, sondern darum Emotionen rüberzubringen, die die Leute irgendwie berühren.
Curse: Warum nicht? – Ich würde super gerne mal so Synchronisationen für Filme oder Hörbücher machen. Vielleicht kommt das ja mal demnächst, wer weiß. Bis jetzt ist nichts Konkretes in Planung, aber ich hätte schon voll Bock darauf – auf jeden Fall.
Curse: Doch natürlich: jedes Album ist eine Konsequenz aus den Alben davor. Aber auch aus dem, wie man sich gerade fühlt und was man erlebt. Es ist ja nicht so, dass ich gesagt hätte, es gibt keine „Innere Sicherheit“ und das hat nie stattgefunden. Es ist natürlich eine Weiterentwicklung, aber ich glaube vom allgemeinen Feeling her kommt das Album wahrscheinlich „Von Innen Nach Außen“ näher – finde ich – weil „Innere Sicherheit“ für mich fragmentierter war ... vom ganzen Vibe her: Da gab’s hier den Gospelsong, da den Reggaesong, dort den Dingssong, den Rocksong – hier das und da jenes ... Das neue Album ist viel homogener. Textlich wie musikalisch erzählt es für mich eine durchgängige Geschichte und das war auch bei „Von Innen Nach Außen“ so. Natürlich gab’s da auch ein-zwei Songs, die dann irgendwie mal rausgefallen sind, aber das macht ja ein Album auch interessant. Es muss ja auch die zwei-drei Dinger geben, die das Ganze so ein bisschen aufbrechen.
zugehörige VÖs:
Curse - Bis zum Schluss (Single - 11/2008)
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Curse - Freiheit (Album - 09/2008)
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Curse - Freiheit (Single - 09/2008)
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Curse - Einblick Zurück! (Mixtape - 08/2006)
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Curse - Struggle (Single - 03/2006)
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Curse: Da gibt’s dann natürlich tausend verschiedene Überlegungen und du kannst es nachher keinem recht machen. Bei „Gangsta Rap“ gibt es durchaus auch erwachsene Leute, die sagen: ‚Ey, der Song gefällt mir richtig gut, weil das endlich mal auch ein Ding ist, zu dem ich mich bewegen kann, wo ich irgendwie live am Start sein kann.’ Was mir bei dem Song auch wichtig war, dass viele Leute zu mir gekommen sind und gesagt haben: ‚Ey, du bist einer der krassesten Rapper – du kannst flow’n – du hast harte Sachen – du bist ’n krasser MC! Und alle Leute sehen dich als diesen Softie-Typ von „Und Was Ist Jetzt“’ – Wir müssen immer regelmäßig die Leute bekehren: Aber hör’ dir doch mal das Album an, hör’ dir doch mal den Song an oder hör’ dir doch mal das da an – wir haben die Schnauze voll – Nach dem Motto: Mach doch mal ‘n Statement! Hau doch mal auf die Kacke! – Du bist Curse, Alter, du kannst das! Und „Gangsta Rap“ ist ein Song, den habe ich einfach gemacht. Nicht, weil ich mir irgendetwas überlegt habe, sondern weil der mir auf dem Herzen lag. I did the song! Als ich den zum ersten Mal live gespielt habe, stand ich vor 30.000 Tausend Leuten auf der Rheinkultur – das war mein erster Live-Auftritt seit über ‘nem Jahr, niemand wusste, was die Leute erwartet – nix von meiner Show ... Als ich den Song gespielt habe, hab ich in jedem Vers 3mal Szenenapplaus auf Textzeilen bekommen – das ist mir noch nie passiert. Die Leute haben auf einzelne Textzeilen Szenenapplaus gegeben. Haben nach dem Song 5 min applaudiert – ohne Pause ... weil da mal die andere Seite der Medaille gezeigt wird. Ich glaube viele Leute haben sich gefreut, weil der Curse, der was sagen kann, auch Rapper sein kann und nicht nur irgendwie ... der Poetische, Intellektuelle mit der Brille und so’n Scheiss.
Curse: Türlich ... Auf jeden Fall! Aber „C.U.R.S.E.“ ist nicht mehr auf dem Album drauf und „Ich bin Schuld“ auch nicht mehr. Wir haben diese zwei Songs wegen der Kompaktheit vom Album genommen und weil sie großes Potential haben, was wir noch nicht 100% rausgeholt haben. Was mich ein bisschen ankotzt ist folgendes: Wenn ein Typ auf seinem ganzen Album Stumpfsinn erzählt und dann einen Song hat, in dem er was Intelligentes sagt, dann applaudieren alle, und wenn einer auf seinem ganzen Album was Intelligentes sagt und er hat einen Song, in dem er mal so’n bisschen den Arsch raushängen lässt, dann sagen alle: ‚Ja muss dass denn sein?!’ Aber wenn du keinen Song hast, auf dem du den Arsch raushängen lässt, sagen alle: ‚Du bist ja so verkopft und so versteift – kannst du nicht lachen? Kannst du dich nicht locker machen?’ Und wenn du dann einen Song machst, wo du dich locker machst, sagen alle: ‚Aber das passt doch gar nicht zu dir!’
Curse: Ja natürlich. Aber im Endeffekt mache ich mich von so was auch nicht abhängig – Wenn ich Bock habe einen Song wie „C.U.R.S.E.“ zu machen, dann mache ich den Song „C.U.R.S.E.“ und Bang! Wenn ich ein Common-Album höre, finde ich es auch wichtig, das da Sachen drauf sind, die ihn als MC repräsentieren – wie auch bei Talib Kweli: die erste Single von dem Reflection Eternal Album war „The Blast“ und das war einer der härtesten Songs auf dem Album - das war ‘ne Ansage, du kommst rein und Boom! Bei meinem letzten Album sind ja auch solche Sachen wie „Rap“ drauf . Das ist einer der Favourite-Songs von den Leuten, denn die wollen ja auch mal ‘ne gewisse Art Auflockerung, ‘ne gewisse Erlösung von so ‘ner Schwere – das ist ja auch wichtig, das geht mir auch so in meinem Leben.
Curse: Klar logisch – ich bin ein melancholischer Mensch.
Curse: Klar. Logo. Jetzt kommt erstmal das Album, dann die 2. Single, dann die Tour – dann kommt das nächste Album, an dem ich schon angefangen habe zu arbeiten. Ich habe vertraglich die Möglichkeit und die Verpflichtung auch noch ein sechstes Album zu machen. ... Ich habe mein eigenes Label gegründet, ich mach’ so ein paar Sachen nebenbei, schreib’ ein bisschen was, alles noch nicht so serious, weil ich mich halt zu 95% auf Rap konzentriere. Und so wird es auch die nächsten Jahre weitergehen. Und dann schau’n ‘mer mal was kommt – ich mein’, andere Leute sind 32-33 und die bringen Platten raus und die fragt auch keiner was geht und ich bin 5-6 Jahre jünger und hab noch 6 Jahre Zeit.
Curse: Ich habe kein Problem damit, wenn einer ins Netz geht und sich die Sachen anhört. Das ist so, als ob du in den Plattenladen gehst und sie dir anhörst, nur das du es halt zu Hause machst. Aber wenn’s dir gefällt und du es geil findest, dann hab’ die Eier auch zu sagen: Der Typ, der mir was gibt durch seine Musik, dem gebe ich auch was: nämlich 14 Euro 99. – Das ist schon wichtig – so handhabe ich das auch. Ich habe zum Beispiel alle Sachen, die Juelz Santana rausgebracht hat: Seine Alben, die Mixtapes ... aber dann gibt es natürlich noch irgendwelche Mixtapes-Specials, die ich mir aus dem Netz ziehe, damit ich mir nicht jedes Kay-Slay-Mixtape kaufen muss, nur weil ein Sechzehner von Juelz Santana drauf ist. Das finde ich aber auch wieder legitim, weil ich mir die Sachen von ihm kaufe.
Curse: Ja, das ist sammeln. – Das ist sammeln und horten. Ich habe das Gefühl, dass es immer mehr zur nichtkörperlichen Sache kommt – so dass du dir einfach Rohlinge holst – vor allem jetzt, wo die Sachen im Internet besser werden - das ist ein viel impulsiveres Ding: Du hast in diesem Augenblick gerade Bock drauf, gehst da rein, hörst es dir sofort an – aha gefällt mir – jajaja jajaja – alles klar, finde ich interessant – Klick – rrrrrmph – 10min später hast du es da und kannst es dir zu Hause reinziehen. Das ist eine viel direktere, impulsivere Sache, die auch dem Zeitgeist entspricht, wo ja alles schnell passieren muss und Bedürfnisse schnell befriedigt werden. Ich glaube, dass es in diese Richtung hingeht. Was aber natürlich dazu führt, das Verpackung immer wichtiger wird. Und das wird von der Plattenindustrie noch sehr vernachlässigt.
Curse: Das kannst du leider nicht machen – natürlich kannst du machen was du willst, aber es gibt so bestimmte Media-Control-Auflagen, was eine CD haben darf, um für die Charts interessant zu sein. Ich kann da auch ein T-Shirt reinlegen und 2 Flugtickets nach Hong Kong und so weiter und so fort, aber dann zählt das nicht mehr für die Charts, weil das dann unlauterer Wettbewerb wäre.
Curse: Gut, dass kann man natürlich machen – das mache ich auch. Ich habe auch immer auf Konzerten meine CDs dabei – Ich kaufe die dann halt von meiner Plattenfirma zum Einkaufspreis und vertick’ die dann 5 Euro billiger als im Laden.
Curse: Glück ist für mich: zufrieden sein mit dem Moment, zufrieden sein mit dem was du hast und nicht die ganze Zeit zu überlegen, was hätte ich besser machen können und was könnte ich morgen tun. Das man auch mal inne halten kann, sagen kann: Ey, ich lebe und eigentlich gehts mir gut. Das ist Glück – glücklich sein – Zufriedenheit. Und je mehr man solche Momente in seinem Alltag realisiert, desto glücklicher kann man sein. Aber mir persönlich fällt es sauschwer, weil ich halt so’n Typ bin, der immer in Action ist und arbeiten will und immer noch was erreichen will, der nie mit irgendwelchen Sachen ganz fertig ist. Und kaum ist irgendwas fertig, habe ich schon das Nächste im Feuer. Aber „Münze des Glücks“, „Links Rechts“ – diese Sachen handeln auch vom Thema „Entscheidungen“. Selbst wenn du im Leben mit irgendeiner Situation konfrontiert wirst für die du vielleicht nichts kannst, kannst du was dafür, wie du dich in der Situation verhältst und was du daraus machst – ob du links rum gehst oder rechts rum gehst – das liegt ja teilweise an dir. Du hältst dein Leben zum großen Teil selbst in der Hand – das sage ich auch am Ende in dem Patrice-Song: Ich weiß, hier läuft kein Film in dem das Gute gewinnt, doch ich weiß das was ich mache, meine Zukunft bestimmt. ... Und das ist im Endeffekt die Essenz: Du kannst nicht wissen, was morgen ist! Aber da kannst du zwei Konsequenzen daraus ziehen: Einmal das du sagst: Ich kack’ auf alles, ich weiß sowieso nicht, ob ich morgen noch lebe. Oder das du sagst, ich versuche die richtigen Entscheidungen zu treffen, um so gut wie möglich das zu bestimmen, was in meiner Zukunft passiert.
Curse: Ja, aber es ist wichtig, dass man sich das selbst auch mal eingesteht: Da habe ich Scheiße gebaut, aber am Ende des Tages: Fuck It! Ich bin jetzt hier und cool is ...! Und lustigerweise sind durch den Song schon mehrere dieser Dinge, ohne das jemand den Song gehört hat, eingetroffen. Ich habe wieder Kontakt zu Scan bekommen und mir von ihm Beats gepickt für mein nächstes Album. Zum gleichen Zeitpunkt habe ich durch Zufall Aphroe getroffen – nach zig Jahren. Wir haben uns versöhnt und wollen einen Song zusammen machen. So was kann auch was ins Rollen bringen und das ist schon sehr interessant. ... Worte sind schon Macht!

