Interview: Deichkind
von Mikko
Tja, so kann man sich irren. Immer wieder. Wenn man glaubt, gleich träfe man einen todernsten, niemals lächelnden Rapper, dann sprudelt das Interview nur so vor Humor. Und umgekehrt. Wer da chte, die inzwischen vier Deichkinder seien ständig rumkaspernde Dauertalker, der irrt. Kurz nach dem zweiten Kandidatenduell und noch viel kürzer nach dem letzten Auftritt ihrer einwöchigen Clubtour trafen wir auf einem Berliner Hinterhof eine sehr nachdenkliche Band, die kaum zum Scherzen aufgelegt war. So plakativ witzig sie sich auch auf der Bühne präsentierten, so sehr prallte der gutgemeinte Versuch lustiger Fragen zu ihrem neuen Album “Noch Fünf Minuten Mutti” zunächst an ihnen ab. Bis sie warm wurden.

Einstimmig: Wäs?
Sebi: Okay, auf dieser Ebene schon. Aber gerade “Ride” ist doch ein bißchen pullerig.
Malte: Wir hatten diesmal nur kleine Keyboards und uns auf deren Sound verlassen. Aber wir haben alles aus denen rausgeholt. Wir haben dann “Horns” weggelassen, aber dafür “Electric Guitar” gespielt. Außerdem haben wir eine Panflöte durch eine Talkbox gejagt. Wir sind so was wie Bit-Crush-Fanatiker: Wir nehmen kleine Keyboards, mit denen man auch samplen kann, und samplen dann Sachen rein, damit die sich anhören, wie sie sich anhören. Und dann freuen wir uns lautstark.
zugehörige VÖs:
Deichkind - Luftbahn (Single - 02/2009)
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Deichkind - Arbeit Nervt (Album - 10/2008)
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Deichkind - Arbeit Nervt (Single - 10/2008)
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Deichkind - Ich Betäube Mich (Single - 10/2006)
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Deichkind - Aufstand im Schlaraffenland (Album - 05/2006)
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Malte: Wir wollten, daß jeder Song ein eigenes Thema beinhaltet und nicht nur so was wie “Ah-Yo, fuck this Mic” ist.
Sebi: Ja, wir haben schon am Anfang beschlossen, daß die Platte doll werden soll. Eben eine Scheibe, die man gut auf einer Party hören kann.
Malte: Irgendwie sind wir auch deep, aber wir lassen das anders raus.
Sebi: Deichkind waren schon immer unterschwellig deep, aber diesmal haben wir uns mehr auf die Milieustudien konzentriert.
Buddy: Ja, wir wollten Politik nicht mit Party vermischen.
Buddy: Loveparademäßig? Nee, das kann man so nicht sagen.
Malty: Ich finde, auf Knopfdruck Spaß zu produzieren ist irgendwie was anderes, als wenn man sich hinsetzt, ein Stück macht und dazu seine Emotionen rausläßt. Das kann man mit so was wie der Loveparade doch überhaupt nicht vergleichen.
Malte: Ich gebe mir auf der Bühne ab und zu – sehr oft – Mühe, auch lustig zu sein. Ich finde humorlose Menschen total schrecklich. Ich hab’ Angst vor solchen Typen und will mit denen nichts zu tun haben. Das ist nicht gut..., also wenn man keinen Humor hat, dann kann man auch gleich aufhören zu leben.
Malte: Hamburg hat einen sehr deepen Humor. Das ist nicht die erste Stufe.
Malte: Es gibt verschiedene Stufen des Humors. (Er intoniert zwei Mal den Satz “Heino ist voll scheiße, ey”; das eine Mal sehr schwachsinnig betont, das andere Mal noch bescheuerter; alle im Bus schmunzeln) Man kann denselben Satz sagen, aber es kommt darauf an, in welchem Kontext er gebracht wird. So was bestimmt zum Beispiel die Stufe. Das ist aber sehr schwer zu erklären. Vielleicht so: Helge Schneider ist für mich dritte Stufe und Bulli ist erste Stufe. Das ist mehr so klassischer Humor. Monty Python ist auf jeden Fall auch nicht erste Stufe.
Philipp: Stefan Raab ist sehr vermischt: viel erste Stufe, aber zwischendurch auch zweite und dritte Stufe. Harald Schmidt ist sehr viel dritte Stufe! Schmidt finde ich sehr geil, das ist so eine Niveaufrage. Witze kann man zwar auf Kosten anderer machen, aber das kann man eben auch sehr charmant tun.
Malte: Der geht auf jeden Fall an Grenzen, so daß sich Leute empören. Das finde ich sehr schmeichelhaft. Das machen wir auch – schon automatisch.
Sebi: Als wir den Song gemacht haben, hatten wir das Bild von einem dicken Jungen vor Augen, der über einen Bock springen muß. Wir denken überhaupt nicht an eine spezielle Klientel oder so was. Bei dem Lied haben wir sofort ans Video gedacht.
Philipp: Wir denken insofern ans Klientel, als daß wir wegkommen wollen von HipHop-Heads. Wir hatten auf unserer Tour fast nur Konzerte, wo die Leute unseretwegen gekommen sind. Und dann waren wir auf einem Gig mit Looptroop und Digger Dance in Lübeck, wo nur Heads waren. Das ist dann schon ein bißchen anstrengend und unangenehm.
Philipp: Das sind andere Leute, die auf HipHop-Jams gehen. Unsere Fans sind einfach älter und reflektierter. Die checken die dritte Ebene, die stehen nicht nur ernst da `rum und sagen: “Hm, die da oben machen das nicht richtig!”
Malte: In Lübeck waren einfach Randalierer, irgendwelche Vollspacken, die die ganze Zeit irgendwie herumgeschrien haben. Ich versteh‘ das nicht: Man geht doch nicht auf ein Konzert und hört sich die Musik an, um nur rumzublöken.
Malte: Wir haben alle unseren eigenen Style. Philipp und Sebi sind mehr so Skipper-Klamotten-mäßig, also College Wear. Ich bin eher so Rock-Country-mäßig unterwegs. Ich stehe einfach nicht auf große, weite Hosen mit silbernen Plaketten. Und in unseren Videos machen wir genauso unser eigenes Ding und passen uns nicht den Klischees unseres Genres HipHop an.
Sebi: Wir machen ja auch Entertainment, und da ist es uns wichtig, daß Leute, die das Video sehen, das attraktiv finden. Wir haben bis jetzt alle Videos mit dem Berliner Niklas Weise (?) gedreht, und der hatte immer gute Ideen. In jedem Video wird man Stilmittel entdecken, die es schon mal woanders gab. Und in unserem neuen Video “Limit” sind viele verschiedene Stilmittel vereint, da wollten wir drei verschiedene Welten entdecken.
Malte: Wir haben dafür einen Gastmusiker: Lucius von Truckstop hat Geige gespielt.
Sebi: Ja. Wir haben auch einen Countrysong, das ist eine neue Vorliebe von uns.
Malte: Ich werde bald ein Countrystar!
Sebi: Was uns auf der letzten Tour ganz konkret verändert hat, war, daß wir relativ spät gespielt haben und dadurch echt gutes Publikum da war. Leute in unserem Alter, also ganz andere als noch vor zwei Jahren. Dadurch sind das Konzerte, die uns – so wie heute – auch selber etwas zurückgegeben haben, so daß es ganz tighte Interaktion mit dem Publikum gibt.
Malte: Das hat viel mit Popmusik und Entertainment zu tun. Bei uns gibt es keine Identifikationsbasis für irgendwelche _HipHop-Heads‘. Bei bestimmten Leuten sind wir einfach nicht besonders beliebt, aber das ist auch okay so.
Philipp: Also ich war noch pubertär, als ich dazu gekommen bin.
Malte: Buddy ziemlich früh, also noch vor der Pubertät, und ich und Sebi in der Pubertät. HipHop war nach Punkrock einfach meine Pubertätsmusik, aber im Moment hör‘ ich auch sehr viel Country und Rock.
Malte: Nö, schon ernsthaft, weil ich davon Gefühle krieg‘. Die anderen kriegen inzwischen auch von vielen Countrysongs derbe Gefühle.
Sebi: Wir haben bei unserem Musikgeschmack eine sehr große Schnittmenge, aber trotzdem gibt es auch genug Stellen, wo die anderen sagen, die Grenze wäre erreicht. Wenn ich Prodigy höre, findet Buddy das nicht so geil. Das ist dann beim Musikmachen ein interessanter Prozeß, wenn man sieht, wo es hinführt.
Philipp: Malte und ich mögen gerade America und die Eagles.
Malte: Ich hab’ in meiner WG sehr viel Smokey und Dr. Hook gehört.
Malte: Krieg ist auf jeden Fall scheiße... Krieg not good... Diss Krieg. Gut und Böse gibt es nicht... Krieg ist wack... Ich möchte, daß die Leute gute Grundgedanken haben. Wir sind halt auch so wie Hippies, wir haben sogar zwei Gitarren.


