Benutzername: Passwort: hier kostenlos anmelden

Suche

Interview: Herr von Grau

geschrieben am 19.02.2009
von Cracc

Die in Berlin beheimatete Band Herr von Grau hat bereits im Herbst letzten Jahres die Arbeiten am neuen Album fertiggestellt und suchen seitdem nach einem passenden Label. Um dieser Suche Nachdruck zu verleihen, veröffentlichten Herr von Grau das Video „Tanzen“. Dieser Track scheint oberflächlich betrachtet eine Aufforderung zu sein. Durchdringt man die Botschaft, wird schnell klar, dass sich jemand ausführlich mit gesellschaftlichen Problemen beschäftigt und dies geschickt in leichter verdauliche Themen packt. Diese angenehme Mischung kann man bei vielen Songs von Herr von Grau finden und lässt dem neuen Album freudig entgegen blicken. Letzte Woche kam die gute Botschaft: Ein Label ist gefunden. Das neue Album steht in den Startlöchern und ein Snippet steht zum Anhören bereit. Die beste Zeit also um mit den grauen Herrn ein Gespräch zu führen.

Herr von Grau
Bassdraft: Ihr habt euer neues Album „Heldenplätze“ für April angekündigt, welches auf dem Label Rappers.in erscheinen wird. Wie schwierig war die Labelsuche und was waren Begründungen euer Album abzulehnen?

Herr von Grau: War schon schwierig. Kraatz und ich hatten schon Vorbereitungen dafür getroffen ein eigenes, kleines Label zu gründen, als Rappers.in anfragte. Die Begründung für die Ablehnung der anderen Labels war eigentlich fast immer die Gleiche: „Mucke geil, aber wir sind wirtschaftlich voll am Sack und deutscher HipHop ist das auch. Sorry, könn wa nicht machen.“

Bassdraft: An Rappers.in habt ihr also gar kein Demo geschickt?
Bassdraft: Wie ist Rappers.in auf euch aufmerksam geworden?

Herr von Grau: Die haben unser altes Album "Blumenbeet 2.0" in ihrem Shop verkauft. Kraatz hat dann da mal angerufen und nachgefragt, ob die noch Nachschub brauchen. Bei der Gelegenheit haben sie uns gleich gefragt, ob wir immer noch ein Label suchen. Und dann kam Eins zum Andern.

Bassdraft: Das Album wird neben der CD auch als Doppelvinyl erscheinen, war das euer Wunsch oder hat sich Rappers.in dazu entschlossen diesen kleinen Markt zu bedienen? In den Zeiten, wo viele Releases ausschließlich in digitaler Form veröffentlicht werden, ist es bestimmt nicht mehr wirtschaftlich diese Form zu wählen.

Herr von Grau: Das war unser ausdrücklicher Wunsch. Wir sind halt beide Vinylfreunde. Wir lassen uns auch unsere Instrumentals zum Livespielen beim "Vinylizer" in Berlin auf Platte ritzen. Für Vinyl lohnt sich das wirtschaftliche Risiko auf jeden Fall.

Bassdraft: Ihr benutzt also bei euren Liveauftritten noch echte Instrumentalvinyls? Normalerweise treten die meisten Acts ja jetzt mit Laptop an und diversen Softwareapplikationen, mit denen man alles mögliche Scratchen kann. Habt ihr solche Sachen auch schon getestet und warum bleibt ihr beim Vinyl?

Herr von Grau: Alte Liebe halt. Platten klingen halt immer noch ein bißchen anders. Ich werde jetzt aber nicht generell ausschließen, dass auch wir irgendwann mal nen Taschenrechner auf der Bühne stehen haben, zu welchem Zweck auch immer. Momentan sind wir halt noch nicht wirklich davon überzeugt, dass mp3s die bessere Wahl sind.

Bassdraft: Die Themenvielfalt eurer Songs ist sehr vielschichtig und für das Genre untypisch. Aber ihr reflektiert auch die Situation der Rap-Szene z.B. mit dem Song "Mama". Wie weit steht ihr mit der sogenannten Szene in Kontakt und wo grenzt ihr euch ab?

Herr von Grau: Gibt es überhaupt so etwas wie eine Szene? Und wenn ja, wer darf sich dieser dann zugehörig fühlen? Im Ernst drin: Es gibt so viele Arten von Rap, dass sich auch unterschiedlichste Arten Mensch für die jeweilige Spielart interessieren. Es kommt vor, dass auf unseren Konzerten Alt-Rocker auf junge HipHopper, oder Techno-Freaks treffen. Gehören die dann auch zu einer Szene, von der unzählige, zweifelhafte Gruppierungen behaupten es wäre allein die Ihre. Abgrenzen? Nur von denen, die finden, dass ein guter Rapper glaubwürdig rüberbringen muss, dass er das größte, gewalttätigste Arschloch seines derzeitigen Wohnorts ist.

Bassdraft: Wen man die Berichte in den Medien zusammenfasst, könnte man ja glauben, dass es nur darum bei Rap geht. Und die jüngere Generation wächst mit dieser Sicht auf. Welche Platten würdet ihr diesen Rapfans empfehlen, damit sich der Horizont weitet?

Herr von Grau: Wie gesagt: Kenne wirklich nicht viel Rap. Sind Peter Fox´ und Cluesos Popnummern Rap? Also an deutschen Texten machen die auf jeden Fall die besten Sachen, die ich momentan kenne. Ich sehe es aber auch nicht als meine Aufgabe an, irgendjemandes Horizont zu erweitern. Ich will nur Musik machen. Wenn sich da Horizonte bei verschieben, ist das ja schön. Ist jetzt aber echt kein Hauptanliegen. Soll jeder hörn worauf er Lust hat.

Bassdraft: Die aktuelle Entwicklung in der Rap-Szene lässt ja wieder mehr Veröffentlichungen mit textlichen Niveau und kulturellen Eigenständigkeit erkennen. Ist das ein Resultat der schwierigen Marktsituation oder fordern die Zuhörer wieder mehr Vielfalt?

Herr von Grau: Kein Plan. Ich kann jetzt nur für mich sprechen. Ich komm kaum dazu, das zu hören,da ich wenig Rap höre. Obwohl ich in der letzten Zeit wieder ein bisschen mehr der Sprechmucke lausche, höre ich eher elektronisches. Aber wenn du sagst, dass dort gerade eine derartige Entwicklung stattfindet, glaube ich dir das einfach mal, da du dich sicherlich besser auskennst.

Bassdraft: Gerade das Arche Projekt "Deutschlands vergessene Kinder" hat meiner Meinung nach einige Acts bzw. die Aggresivität ihrer Musik in ein anderes Licht gerückt. Und da Peter Fox mit seinem Album Platin gegangen ist, habe auf jeden Fall Hoffnung, dass sich wieder mehr Quailtätsbewußtsein und Experimentierfreude durchsetzt. Welche Einflüssen haben euch bei der Arbeit zu „Heldenplätze“ inspiriert?

Herr von Grau: Jede Art von Musik die mir gefällt, inspiriert mich. Für Heldenplätze stand jetzt aber nicht irgendwelche spezielle Musik Pate. Man vermengt ja beim komponieren sowieso irgendwie alles, was man gut findet, ohne hinterher genau sagen zu können, welcher Einfluss jetzt der Ausschlaggebende für den Sound des einzelnen Songs war. Ansonsten inspiriert natürlich das Leben an sich. Obwohl, wenn ich genau nachdenke, hört man doch dann und wann Anklänge an 93er HipHop Beats, auf die ich zugegebener Maßen sehr stehe. Aber halt nur Anklänge, wird ja immer alles anders, da mir ja verschiedenste Musik im Kopf herumspukt.

Bassdraft: Eine Zeit lang habt ihr eure Songs ja mit Audioflyern an den Mann bzw. die Frau gebracht, indem ihr selbst gebrannte CD in Berlin versteckt habt. Kann man davon heute auch noch Exemplare finden? In welcher Form habt ihr damals darauf Feedback bekommen und was war die ungewöhnlichste Rückmeldung?

Herr von Grau: Vielleicht gibt es noch ein paar davon in freier Wildbahn. Kraatz ist auch mal auf Brücken geklettert. Wir haben sehr viel freudige Benachrichtigungen erhalten, unter anderem: "Montagmorgen, auf'm weg zur Arbeit, Cd gefunden, Tag gerettet!" Die aussergewöhnlichste Rückmeldung kam von einem Jazzer, der meinte: "Gar nicht meine Mucke! Habe aber das Datum des Findens in Friedrichshain auf die Hülle geschrieben um sie in Neukölln wieder zu verstecken." Aber auch aus vielen andern Städten, wo wir selber nicht peilen wie die dort hingekommen sind, haben wir Nachrichten erhalten.

Bassdraft: Was kann man neben dem neuen Album in Zukunft von euch erwarten?

Herr von Grau: Danach hoffentlich noch einige Alben, Audioflyer etc.. Auf jeden Fall Musik. Ob das jetzt immer Rap sein muss, sei dahingestellt. Vielleicht auch ein Märchenhörbuch oder so.

Bassdraft: In diesem Bereich findet man auf jeden Fall ein begeisterungsfähiges und unvoreingenommenes Publikum. Auf jeden Fall erstmal viel Erfolg mit dem Album "Heldenplätze" und Danke für das Interview. Habt ihr eine Ansage an die Leser?

Herr von Grau: Hört mehr Musik! Und Dankeschön.