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Interview: Herr von Grau - Revue

geschrieben am 21.05.2010
von Cracc

Herr von Grau veröffentlichen am 28. Mai 2010 ihr mittlerweile drittes Album „Revue“. Dabei nehmen Benny und Kraatz mit feinen und manchmal bösen Humor Songs, ihr Umfeld und sich selbst auf´s Korn. Was sich in der Arbeitsweise gegenüber zum letzten Album geändert hat und warum sie „Revue“ nun über ihr eigenes Label Grautöne auf den Markt bringen, gibt es in einem Interview mit den grauen Herrn zu lesen.

Herr von Grau
Bassdraft: Für das neue Album „Revue“ habt ihr das eigene Label „Grautöne“ gegründet. Im Interview vor einem Jahr habt ihr gesagt, dass ihr fast ein eigenes Label gestartet hättet, da sich erst kein Label für die „Heldenplätze“ gefunden hatte. War die Gründung von „Grautöne“ auf diese Ursache zurückzuführen? Oder habt ihr gar nicht mehr gesucht und wollt alles in der eigenen Hand haben?

Benny: Wir waren diesmal wieder im Gespräch mit einem Label, doch konnte das Release dort aus zeitlichen Gründen nicht realisiert werden. Die Mädels und Jungs hatten an unserem Wunschtermin schon was anderes auf der Startrampe. So waren wir uns ziemlich schnell einig, jetzt wirklich alles selbst in die Hand zu nehmen und unseren Traum vom eigenen Label wahr zu machen. Und siehe da: Sehr viel Arbeit, aber sehr gutes Gefühl.

Bassdraft: Ich habe das Snippet zu „Revue“ gehört und habe den Eindruck, dass die Songs musikalisch vielschichtiger und organischer geworden sind. Was hat sich in eurer Arbeitsweise geändert?

Benny: Inzwischen sind wir dazu übergegangen, sehr viele Instrumente selbst einzuspielen, also nicht ausschließlich Samples und Synths zu benutzen. Wir waren auf Flohmarkteinkaufstour und haben ganz viel verschiedenen Kram, der Krach macht, zusammengesammelt, und haben dann über noch sehr unfertige Loops gejamt. Benny hat die Ergebnisse dieser Sessions dann wieder zerhexelt und, wenn man so will „synthetisiert“, und das Zeug dann wieder als Ausgangsmaterial für die Schöpfung neuer Klänge benutzt. Das ging dann so ein paar Mal hin und her, bis wir das Gefühl hatten, dass ein Beat fertig ist.

Bassdraft: Das Livefeeling merkt man den Songs auf alle Fälle an. Greift ihr bei Gigs dann auf die fertigen Instrumentals zurück oder nehmt den „Krachkram“ mit auf die Bühne?

Benny: Nee, live werden die fertigen Instrumentals genutzt, da Kraatz mit Rappen, Back-Ups und Auflegen schon genug beschäftigt sind. Aber vielleicht kommt ja bald die Herr von Grau Revueband und die dazugehörigen Puschelgirls...

Bassdraft: Der Song „Risiko“ ist melancholisch und trotzdem lebensbejahend, greift aber schon ein Thema auf, woran nicht viele Menschen erinnert werden wollen. Warum habt ihr gerade den Song als erstes Video ausgekoppelt?

Benny: Wenn wir bei der Auswahl der zu verfilmenden Tracks Rücksicht darauf nehmen würden, dass wir thematisch niemandem wehtun, hätten wir das Problem, kaum noch Songs übrig zu haben. Wir haben uns für Risiko entschieden, da wir schon beim ersten Hören des Songs Kopfkino hatten und weil er so schön eingängig ist.

Bassdraft: „Guido“ ist mir gleich beim ersten Hören in Erinnerung geblieben. Was hat euch veranlasst diesem Herrn einen Song zu widmen?

Benny: Der Herr Minister W. ist einfach so ziemlich das abartigste Wesen, das zurzeit dauernd überall zu sehen ist. Dieses falsche Grinsen, diese schneidende SS-Stimme, diese ekelhaften Ansichten, dieser unverhohlen zur Schau getragene Geltungsdrang und dann noch so öffentlich Vetternwirtschaft betreiben.... Kotz, Spuck! Hat ein nettes Lied verdient, der Herr.

Bassdraft: Ihr habt bei „Schnapp sie dir“ schon mal einen Politiker auf Korn genommen. Ist die Grundaussage des Songs nach dem Ressortwechsel von Schäuble entkräftet?

Benny: Nee. Die Politik steuert weiterhin auf die totale Überwachung des Bürgers zu. Nur macht des Wolfgangs Nachfolger nicht so einen Lärm und findet sich nicht permanent in allen Medien mit populistischen Aussagen wieder. Aber geräuschlos heißt ja nicht unbedingt auch ungefährlich. Herr de Maizière hat schon in seiner Zeit als Kanzleramtschef gelernt, die Dinge im Stillen sehr effizient zu erledigen, und sollte auf keinen Fall unterschätzt werden.

Bassdraft: Als ich den Song „Gehirnfurz“ hörte, fiel mir ein, dass ihr letztes Jahr ein paar Konzerte wegen Krankheit absagen musstet. Wenn ich mich recht erinnere, war damals die Stimme weg. Hat das mit dem Hörsturz einen realen Hintergrund?

Kraatz: Nicht wirklich. Benny hat zwar des öfteren einen Tinitus, auch weil er des nächtens in einem Technoclub arbeitet, aber glücklicherweise kam es noch nicht zu einem richtigen Hörsturz. Der Track „Gehirnfurz“ handelt übrigens von einem Absturz im Club, Benny hat sich da auf jeden Fall inspirieren lassen... Aber mit der Stimme war es wirklich so schlimm, wie du dich erinnerst. Das war eine ausgewachsene Kehlkopfentzündung, die zur Folge hatte, dass Benny über einen Monat komplett die Klappe halten musste. Dem Hals kommt nun mehr Aufmerksamkeit und Pflege zuteil, damit so etwas nicht wieder passiert. Denn abgesehen von den Einschränkungen, die ein „Nicht-sprechen-können“ mit sich bringt, sind enttäuschte Fans das schlimmste, was einem Musiker passieren kann.

Bassdraft: Auf eurer Myspace-Seite habe ich eine Menge Livedaten für die kommenden Monate gesehen. Kommen die Veranstalter mittlerweile auf euch zu oder organisiert ihr das größtenteils selbst?

Kraatz: Das läuft so Fifty-Fifty.

Bassdraft: Bei „Menschenhass“ musste ich lachen. Mit solchen Gedanken bin ich auch schon durch den Tag gegangen – obwohl das zu dem Zeitpunkt gar nicht lustig war. Ich kenne den Song ja noch nicht vollständig. Gibt es noch einen „Twist“ oder spitzt sich die Geschichte immer weiter zu?

Benny: Das Ding spitzt sich einfach immer weiter zu. Einfacher, bodenständiger Hass halt. Ohne Wendung.

Bassdraft: Sehr schön! Habt ihr schon mal daran gedacht, den Song vor diversen Cafés oder Kinderspielplätzen im Prenzlauer Berg mit einer versteckten Kamera zu performen?

Benny: Wir dachten eher an Mitte, zu einer Modewoche oder so was. Das Viertel zwischen Hackeschem Markt und Alex würde sich da anbieten. Die Grundidee des Songs entstand nämlich genau da. Aber wir sind ja keine Bezirksnazis und denken noch einmal über deinen Vorschlag nach.