Interview: Jeroma - Enfant Terrible
von Cracc
Zur Veröffentlichung von „Enfant Terrible“ befragten wir Jeroma über die Hintergründe des Albums und zum Entstehungsprozess, der mehrere Jahre in Anspruch nahm und bei dem es einige Hindernisse zu überwinden gab.

Jeroma: Im Endeffekt 26 Jahre, haha. Nein, im Ernst: Von der Ideenfindung bis zur Veröffentlichung waren es insgesamt fünf Jahre. Das Album hat in dieser Zeit bestimmt drei Mal die Tracklist beinahe komplett gewechselt. Teilweise sind noch Songs auf dem Album die vier oder fünf Jahre alt sind.
Ebenso hat das Art-Work-Konzept drei oder vier Mal dran glauben müssen. Dazu muss ich aber sagen, dass es noch 1 ½ Jahre Schaffenspause dazwischen gab, da lange nicht klar war, ob und wie es überhaupt veröffentlicht wird.
Jeroma: Ich wusste einfach nicht, wie wir es rausbringen sollten. Eine vorherige Label-Struktur, über die das Album ursprünglich erscheinen sollte, hatte sich kurz vor Fertigstellung des Projektes aufgelöst, und ich wollte es auf keinen Fall als Free-Download im MySpace-Sumpf untergehen lassen.
Irgendwann hat sich aus dieser Ungewissheit eine Art ratlose Lethargie entwickelt, bis ich mir irgendwann gesagt hab: “Scheiß auf das Geld, du musst das jetzt machen!“ Dann hab ich alles selbst eingeleitet und in everstonedstore.de einen guten Partner gefunden, welcher mit einer gesunden Mischung aus Ideologie und kaufmännischen Interesse an die Sache geht.
Es gab einfach keinen Platz mehr für Ausreden, warum dieses und jenes nicht klappt. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und wenn man sich selbst nicht bewegt, wird sich auch nichts anderes bewegen.
Jeroma: In diesem Album habe ich so gut wie jedes negative Erlebnis mit mir oder anderen Menschen verarbeitet. Die ersten Akte sind ausschließlich autobiografischer Natur. Wobei ich in den letzten Akten in eine spiegelverkehrte Realität eintauche, in welcher ich jene Erlebnisse durch einen unkontrollierten Ausbruch von negativen Emotionen und Taten verarbeite.
Kernpunkt bilden hierbei die Rachegelüste an Menschen, welche mir früher Übles angetan haben. In diesem Fall projiziere ich all jene Menschen in eine fiktive Person, welche meinem Wunsch nach Ausgleich zum Opfer fällt. Für diese Tat werde ich ans Schafott geliefert, diese Tatsache nehme ich aber hin. Da sich in jener Realität alle nur um die Rache drehte, gibt es für mich dort eh keinen Platz mehr.
In dem Moment, in welchen ich meinen Feind erdrosselte, tötete ich mich gleichermaßen selbst. Jede positive Emotion starb in dem Moment, als er seinen letzten Atem auspustete. Mein Tot ist dabei nicht von physischer sondern eher von geistiger Natur. Der darauf folgende Track an meine Frau wäre, in jener verkehrt dargestellten Realität, die Alternative gewesen zu jenem tragischen Ende welches mich ereilte, da ich die Vergangenheit nicht ruhen lassen konnte. Interessant ist, dass jene Option in Wirklichkeit existiert und das Album die spiegelverkehrte Darstellung der Tatsachen bildet.
Kurzgesagt: Negativerlebnisse aus Jugend und Kindheit ließen mich blind vor Wut in mein eigenes Verderben rennen. In Wirklichkeit bin ich glücklicherweise früh genug wach geworden, das Album zeigt zum Ende einen anderen möglichen Werdegang meiner Person. Ich bin lange Zeit nicht gut mit mir selbst umgegangen. Dieses Album zeigt vor allem mir selbst, was hätte passieren können. Das die Abbildung hierbei sehr dramatisiert dargestellt ist, ist dabei aber hoffentlich klar.
zugehörige VÖs:
Jeroma - Enfant Terrible (Album - 02/2010)
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Jeroma - WAS! Online Mixtape (Mixtape - 08/2007)
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Jeroma: Das Album hat mir in großen Teilen dabei geholfen bestimmte Themen zu verarbeiten und auch ein Stück weit damit abzuschließen. Die ganze Thematik mit meinem Vater und meinen Geschwistern ist abgeschlossen. Mittlerweile haben wir auch guten Kontakt zu einander. Das wäre vor der Verarbeitung dieser Themen niemals möglich gewesen.
Konflikte gibt es jedoch nach wie vor. Wer kann schon behaupten komplett konfliktfrei mit sich selbst ins Gericht zu gehen? Der eigene Anspruch stellt dabei die größte Herausforderung dar. Selbstzufriedenheit ist Stillstand. Ebenso hinterlässt eine jahrelange, schwere Depression Spuren, welche man durch eine CD nicht abdecken kann. Sie hilft bei der Verarbeitung, lässt die Vergangenheit aber nicht ungeschehen werden.
Nichtsdestotrotz ist heute alles positiver in meinem Leben. Ein derartiges Album wird es von mir nicht mehr geben, da die Themen abgeschlossen sind.
Video: Jeroma - „Enfant Terrible“
Jeroma: Wenn Menschen sich aus diesem Album Kraft ziehen können, freut mich das sehr und fühle ich mich geehrt. Das war aber nie meine Ambition. Ich wollte mit der Musik vor allem mir selbst helfen. Ich bin mir der Melancholie und der schweren Stimmung des Albums durchaus bewusst, von daher kann ich es auch gut nachvollziehen, wenn jemand keine Lust verspürt sich 60 Minuten lang depressive und schwere Musik anzuhören.
Rosarot klingt irgendwie so vorwurfsvoll. Als ob es eine Schande wäre behütet aufzuwachsen. Ich freu mich für die Leute denen es nie schlecht ging. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die noch nie in einer Krise steckten, oft keine Empathie für jene aufbringen können, welche nicht so viel Glück hatten. Genauso fehlt es aber auch oft denen es schlecht geht an Verständnis für jene die keine Probleme haben. Aber ich schweife ab.
Um zum Thema zurück zu kommen: Ich kann mir gut vorstellen, dass vielen das Album zu depressiv und düster ist. Das ist zwar schade, aber im Endeffekt nicht von Bedeutung für mich.
Jeroma: Der Kontakt kam 2003 oder 2004 über eine gemeinsame Freundin zustande, welche ein Instrumental von Supa Funk hörte und weshalb sie der Meinung war, dass ich darauf gut passen würde. Sie hatte Recht. Mit der Zeit haben wir mehr und mehr zusammengearbeitet, bis sich außerhalb der musikalischen Tätigkeiten auch eine gute Freundschaft entwickelte. So hat sich dann alles irgendwie ergeben.
Die Arbeit mit ihm war sehr erfrischend, da wir uns irgendwann gut aufeinander eingestimmt hatten und eine gemeinsame Vision des Projektes verfolgten. Auch wenn die Inhalte alle sehr persönlich sind, möchte ich an dieser Stelle hinzufügen, dass dies alles ohne Ihn nicht in der Form zustande gekommen wäre. Ein Danke dafür.
Die Arbeit auf die Entfernung war in gleichem Maße hilfreich wie unpraktisch. Einerseits hatte man so immer die die Ruhe alles genau auszuarbeiten, andererseits waren Spontanaktionen einfach nicht möglich. Oft haben wir Ideen am Telefon besprochen, dann hat er den Beat dazu geliefert und ich habe diese Idee dann in Worte gefasst. In heutigen Tagen wäre es aber noch schwieriger, da wir beide beruflich sehr eingebunden sind und es so schwer möglich ist, oft hin und her zu pendeln.
Jeroma: Ja. Zu der Zeit waren Supa Funk und Mach noch beide auf Adrenalin-Musik gesignt. So hatte es sich angeboten und Supa Funk hat das ganze koordiniert. Hinzukommend habe ich Mach seit dem (R)evolution-Tape gefeiert. Von daher hat es mich sehr gefreut, dass er diesen sehr schönen Part hinzu steuerte.
Jeroma: Ja. Wie oben schon erwähnt habe ich das Konzept vom Artwork drei- oder viermal komplett gekippt. Unterstützt hat mich mein Partner Bulaz in dieser Sache, welcher im Trailer den Part der Animation komplett auf sich genommen hat. Ebenso hat er mich in der kreativen Findung der ganzen Sache in dem Maße beeinflusst, das ich schlechte Ideen auch ohne zu zögern als schlecht sehen konnte, in dem er mich über die Banalität bestimmter Skizzen direkt aufklärte.
Als wir beim Fotoshooting eher durch Zufall jenes „Augen-Foto“ geschossen hatten, war sofort klar in welche Richtung wir gehen müssen. Daraufhin habe ich Cover, sowie die Illustrationen, Web-Auftritt, Konzeption und Werbemittelherstellung angefertigt. Die vorigen Versionen haben es einfach nicht geschafft die Stimmung des Werkes einzufangen. Das Ganze habe ich fast zwei Jahre nach Fertigstellung der Tracks angefertigt. Im Nachhinein war diese Pause wirklich hilfreich, da ich so den benötigten Abstand zum Album gewinnen konnte, den man braucht um bewusster an die Sache ranzugehen.
Jeroma: Nein. Sonst hätte ich für das Album 30 Jahre gebraucht. Klar gibt es Stellen mit denen ich jetzt nicht mehr zufrieden bin. Ebenso der Track an meine Frau, es sind nicht mehr 4 sondern beinahe 8 Jahre, die es her sind als wir uns kennen lernten. Aber hätte ich diese ganzen Kleinigkeiten noch ausgebessert, wären mir danach bestimmt wieder Dinge aufgefallen.
Mir war einfach wichtig, dass ich das Kapitel „Enfant Terrible“ abschließen konnte, damit ich mich neuen Dingen zuwenden kann.
Jeroma: Momentan arbeite ich eher mit Fokus an meiner grafischen Karriere. Es gibt Pläne für Projekte. Wo die aber musikalisch landen werden, kann ich in diesem Moment nicht definieren. Meine Musik ist sehr stark von meiner Lebenssituation abhängig und da das Leben des Öfteren mal macht was es will, wird man sehen. Ich habe das Glück, nicht finanziell vom Erfolg meiner Kunst abhängig zu sein und kann von daher machen, was ich will. Das ist mir sehr wichtig, da ich nicht auf der Stelle trampeln möchte und mir meine persönliche Weiterentwicklung sehr wichtig ist.
Jeroma: Ich möchte mich ganz herzlich bei allen bedanken, welche mich in diesem Projekt unterstützt haben!


