Interview: Justus
von oliversum
“Es heißt Justus und nicht Jonas, Justus Judas, Jesus Jonas” verkündet Justus von MOR zu Anfang seiner neuen Platte “Zeichen und Muster”, die in diesem Monat auf Royalbunker erscheinen wird. Seit seinem ersten Solorelease “Neue Wahrheit” sind ereignisreiche Jahre vergangen, und der Rapper hat sich merklich weiterentwickelt. Verstrickte er seine Hörer auf dem ersten Tape noch in ein komplexes Geflecht aus Lügen und Beleidigungen, haarsträubenden Thesen und Theorien, ist sein neues Werk ausgeglichener, tiefgründiger, fast spirituell geworden. Ich traf ihn im Bunker, circa drei Meter unter der Erdoberfläche, um ihn zu seiner Entwicklung und anderen Dingen zu befragen.

Justus: Meine letzte Veröffentlichung hieß ja “Neue Wahrheit” und ich habe mich auch bemüht, konkrete Wahrheiten zu finden und mitzuteilen. Inzwischen bin ich in meiner geistigen Entwicklung an einem anderen Punkt angelangt. Endgültige Wahrheiten sind mir keine eingefallen, also habe ich mich auf Zeichen und Muster beschränkt. Dahinter steckt eine bestimmte Weltsicht. Ich denke, daß die ganze Welt aus Mustern besteht, die sich immer wieder wiederholen. Nicht nur optische, sondern auch Verhaltensmuster, zeitliche Muster und so weiter. Dazu gibt es bestimmte Zeichen, an denen diese Muster offensichtlich werden. Weniger als Wegweiser, da ich glaube, daß das Leben vorherbestimmt ist und man nicht wirklich seinen eigenen Weg wählen kann. Die Zeichen helfen einem eher zu verstehen, was passiert.
Justus: Ich stelle mir das auf verschiedenen Ebenen vor. Auf der allerhöchsten ist wirklich alles vorherbestimmt. Das ist eine Ebene, die wir mit dem menschlichen Verstand nicht erreichen können. Auf der Ebene des täglichen Lebens kann man schon Entscheidungen treffen – soweit wir das nachvollziehen können. Man sollte sich auch bemühen, alles möglichst gut zu machen. Letztlich glaube ich aber an ein Level, auf dem alles feststeht...
Justus: Könnte man so sagen, wobei es keine Person ist oder ein Ego hat, es ist ein Prinzip. Nicht selbst ein Muster, sondern die Quelle, der Ursprung aller Muster. Die Muster sind nicht nur die reale Welt, sondern auch die spirituellen Welten, die darüber liegen und somit differenziert sind. Das Allerhöchste ist nur Prinzip und überhaupt nicht differenziert.
zugehörige VÖs:
Justus - Zeichen und Muster (Album - 10/2002)
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Justus - Was Ihr Wollt (Single - 10/2002)
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Justus - Dreck (Single - 07/2002)
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Justus - Im Narbengarten (EP - 07/2002)
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Justus: Alles hat eben verschiedene Seiten. Leute, die sich ein bestimmtes Buch einer Glaubensrichtung vornehmen und dann denken, okay, das ist jetzt total richtig, ich brauche diese Steine und jene Federn – das ist unglaublicher Scheiß! Angewandte Esoterik halte ich für Unsinn. Ich glaube schon, daß gewisse magische Praktiken funktionieren, aber nicht für jeden Menschen im Buchladen zu kaufen sind. Das sind nur psychologische Krücken für Leute, die mit ihrem Leben nicht klarkommen. Trotzdem würde ich den Satz wohl heute so nicht mehr sagen.
Justus: Es gibt einen thematischen Faden, der sich durch das Album zieht. Man darf die negativen Songs nicht einzeln herausnehmen und denken, daß ich damit hundertprozentig meine Meinung ausdrücke. Es sind Sachen, die ich denke, aber die auch wieder relativiert werden. In Deutschland ist ein großes Problem, daß vieles zu wörtlich genommen wird. Wenn dein Kollege in der JUICE-Rezension mir mangelnde Glaubwürdigkeit unterstellt, finde ich das schon faszinierend. Das heißt ja, nur jemand, der wirklich Terrorist oder kurz davor ist, darf so was sagen. Genau dadurch wird deutscher Rap langweilig, daß Leute solche Vorgaben tatsächlich einhalten. Deshalb gibt es so viele Tracks, wo erzählt wird “Und dann habe ich meine Freundin getroffen, und dann einen Kopf gezogen und dann mit meinen Homies gechillt”. Wer will denn das hören? Ich zumindest nicht und schreiben will ich’s schon gar nicht!


