Interview: LST da phunky child
von Cracc
1994 beginnt LST da phunky child beginnt seine musikalische Laufbahn in Göttingen und gründet zwei Bandprojekte. 1998 bekommt er mit der Band Tchamba den ersten Plattenvertrag. Für Gunter Hampels Freejazz/Poetry Projekt Next Generation wird LST der Rapper und tourt bis 2003 durch Deutschland. 2000 erscheint sein erstes Solodebüt als Tape. Drei Jahre später erscheint das erste Soloalbum „Solo in Blue“ als Vinylpressung. Kurz danach gründet er mit seinem Freund Rhymellow die Band BlueHeads, die bis jetzt zwei Alben veröffentlicht hat. Die Solokarriere vernachlässigt LST aber trotzdem nicht: 2007 kommt das Doppelalbum „16“, das 33 Tracks umfasst. Zusammen mit Philipp Wackerbeck realisiert er 2008 den ersten „Netzwerke“ Sampler mit mehr als 30 Künstlern aus der ganzen Republik. Seit 1. Mai ist nun das dritte Soloalbum „Super Chrom Hifi“ erhältlich. Was es damit auf sich hat und was LST da phunky child mit der Beute aus einem Banküberfall anstellen würde, erfahrt ihr in einem ausführlichen Interview.

LST: Der Name ist angelehnt an die Tape Zeiten, allerdings mehr im Bezug auf die damalige Wertigkeit einer Kassette für mich. Man stellte sich oft Mixtapes mit seinen Lieblingstracks zusammen, im besten Fall auf rauscharmen Chrom-Kassetten. Die liefen dann wochenlang in Schleife und man entdeckte so erst die Genialität und Tiefe mancher Stücke. Ich wollte damit in erster Linie ausdrücken, dass man sich meinem Album länger als „einmal durchhören“ widmet, denn es stecken viele Details darin, musikalisch und textlich, die das definitiv möglich machen.
Eine Tape-Version war angedacht, da ich noch das ganze Equipment vom Walkman bis Doppel Kassettendeck besitze. Nach Rücksprache mit mehreren Leuten habe ich die Idee aber wieder verworfen. Die meisten fanden den Vorschlag „lustig“ und würden sich das Ding gleich ins Regal stellen, jedoch liegt mir am Herzen, dass meine Musik gehört wird und nicht als Deko dient.
Ich hatte intensive Phasen des Schreibens und auch immer mal ein oder zwei Monate kreative Pause, wo ich mich mehr um Geldverdienen und meinen Job kümmern musste. Man kann sicher sagen, dass mehr als ein halbes Jahr intensive Arbeit drinsteckt. Nebenbei habe ich ja auch viel auf Samplern oder als Gast auf anderen Alben mitgemacht. Ein Roter Faden zieht sich durch alle Dinge, die ich mache, er heißt Realität. Ich schreibe wie ich rede und ich rede authentisch über mein wirkliches Leben. Kein Image.
zugehörige VÖs:
LST Da Phunky Child - Super Chrome Hifi (Album - 05/2010)
|
||
LST Da Phunky Child - 16 (Album - 02/2008)
|
||
LST Da Phunky Child - Solo In Blue (Album - 00/2003)
|
LST: Auch ohne große „Marktforschung“ zu betreiben, kann man ja einen deutlichen Trend erkennen. Mein zweiter Release „Solo in Blue“ kam 2003 nur auf Vinyl in einer 500er Auflage – die verkauften sich „out of the Trunk“ aufgrund des Mediums sehr gut. „16“ kam 2007 in 1000er Auflage auf CD und war über Roughtrade deutschlandweit im Vertrieb. Davon habe ich noch ca. 350 Stk. Leider lief die Zusammenarbeit am Ende nicht ganz so gut, deshalb habe ich mich bei „Super Chrome Hifi“ für eine andere Variante entschieden. Ich denke, dass eine kleine Auflage Charme hat und etwas Besonderes darstellt. Ich kaufe selber bevorzugt limitierte Editionen und glaube, dass ich auf diese Weise genau die „richtigen“ Leute erreiche.
Ein ausschlaggebender Punkt den Release so zu gestalten ist sicherlich auch, dass ich nicht vom Musik machen leben muss. Natürlich kann ich nicht auf die Einnahmen durch die Verkäufe verzichten, denn ich investiere eine Menge in meine Projekte. Dennoch habe ich mich entschieden, Musik aus Leidenschaft zu machen und nicht zum Broterwerb. Meine Prognose ist, dass sich in der Zukunft nur noch Konzerte für Künstler als effektive Einnahmequelle etablieren. Tonträger sind dann fast nur noch ein „Promotool“. Es sei denn die „Fans“ oder Konsumenten begreifen, das man nicht „nur“ eine bespielte Plastikscheibe kauft, sondern eine Menge geistige, kreative und zeitaufwändige Arbeit entlohnt, die einem als Hörer viel geben kann. – und wieder Tonträger kaufen!
LST: Mir ist immer wichtig, dass ein Album alle Facetten von mir widerspiegelt - nur so bekommt man ein klares Gesamtbild. Als Mensch bin ich eher emotional und neige zu „Extremen“, daher auch die Bandbreite, welche aber im Endeffekt wieder ein rundes Ganzes ergibt. Sehr schön, dass Dir die Auswahl der Songs zusagt. Ich habe für dieses Album 32 Stücke aufgenommen. Die Auswahl der 17 Tracks habe ich sorgfältig durchdacht.
LST: Es gibt sicher Dinge, die mit zunehmendem Alter an Glanz verlieren und die man durch gelebte Erfahrungen eher nüchtern betrachtet – als desillusioniert würde ich mich jedoch nicht bezeichnen. Jede Leidenschaft kann bitter enttäuschen, doch innerhalb dieses Mikrokosmos gibt es genau so viele Erlebnisse die einem das vermisste Gefühl wieder zurückgeben. So lange ich beide Seiten erlebe, wird es auch immer wieder Höhen und Tiefen geben, entscheidend ist es, welche Seite man mehr wichtet. Oft passiert es, dass ich angestauten Frust über etwas komplett in einen Song packe, der klingt dann unglaublich negativ, bringt aber mich dadurch zurück ins Gleichgewicht.
LST: Wenn ich diese 90.000 Euro tatsächlich auf der Bank hätte, würde ich es wirklich so machen, wie in der zweiten Strophe beschrieben und würde eine lange Zeit reisen. Für mich bedeutet Luxus, die „Freiheit“ zu haben, sich dann und dorthin zu bewegen, wo man will. Dabei geht es mir auch nicht darum, irgendwo zwei Wochen am Strand zu liegen, sondern andere Kulturen und Lebensweisen kennen und verstehen zu lernen. Außerdem wäre es fantastisch mit gesammeltem Soundmaterial von jedem Kontinent ins Studio zu gehen und ein Album zu basteln.
LST: Denke schon. Ich finde so genannte Sprichwörter oft albern und ausgetreten, aber die Äußerung „Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt“ kann ich vertreten. Seitdem ich 17 Jahre alt bin, verdiene ich eigenes Geld. Mein Kopf ist freier, wenn ich weiß, dass ich mir gewisse Dinge leisten kann, dann sind sie erstmal von meiner inneren ToDo-Liste gestrichen. Ich spreche von essenziellen Dingen wie gutes, gesundes, frisches Essen z.B. keine Luxusartikel. Ich muss mich gut ernähren, damit Körper und Geist auch frisch und kreativ arbeiten können. Es ist möglich, dass man seine Ansprüche auf ein Minimum herunterschrauben kann und so leben will - ich möchte das im Moment nicht. Vielleicht habe ich eines Tages die Nase wirklich so voll, dass ich egoistisch alle(s) zurück lassen werde – Bis jetzt setzte ich diesen Gedanken nur auf dem Blatt um.
LST: So wirklich kann ich das nicht beurteilen, da ich ja kein Anfänger mehr bin. 1995 kannte ich in meinem Alter niemanden der Studioequipment, einen Sampler oder sonstiges besaß, deshalb gründete ich eine Band um meine Visionen umzusetzen. Heutzutage wird sich eine gecrackte Fruity Loops Version auf den PC geladen und nach einem Monat werden die Beats auf myspace für 150 Euro zum Verkauf angeboten. Man kann davon halten was man will, zu stoppen ist diese Entwicklung nicht. Schade ist nur, dass so eine Menge unrelevanter Müll produziert wird und bei vielen HörerInnen eine Sättigung hervorruft. Kreativität ist heutzutage keine Voraussetzung mehr etwas zu erschaffen, es werden einfach Dinge von diversen Quellen übernommen und neu angeordnet. Das schafft auf Dauer aber leider keine neuen Wege.
LST: Sicher bedienen sich die meisten „Produzenten“ an schon fertigen Samplebänken, das ist für mich bei gewissen Dingen völlig legitim - schließlich kann man sich ja kein 20-Mann-Orchester ins Wohnzimmer stellen. Wer jedoch ein wenig Nerd ist, wird trotz der ganzen Möglichkeiten immer zu den Ursprüngen zurückkehren. Manche Dinge sollen halt genau SO klingen, und das muss dann halt selber eingespielt oder aufgenommen werden. Ich versuche meine Beats lebendig und spannend zu halten. Für mich geht nichts über einen organischen Groove – die Sounds müssen es nicht unbedingt sein. Aus diesem Grund programmiere ich, auch mal ohne zu „quantisieren“, Raster oder ähnliches. Perkussionen sind eingespielt oder gesampled. Mein bester Freund Maru war jahrelang der Drummer in meinen Bands, durch ihn und meinen BlueHeads-Partner Rhymellow habe ich das meiste gelernt.
LST: Ich kenne diese Problematik, da ich jahrelang mit anderen Produzenten zusammengearbeitet habe. Die Jungs sind alle wahnsinnig gut, jedoch hat mich genau dieser Punkt oft gestört. Ich bin sehr detailverliebt und kann mich an Kleinigkeiten aufhalten, jedoch habe ich meine Tracks immer rechtzeitig gebounced, bevor ich sie nicht mehr hören konnte. Außerdem stehe ich selber auf Sound von Madlib, MF Doom usw. – da darf es auch schon mal „unperfekt“ klingen – es ist immerhin Rap. Guter Sound ist nur eine kleine Zutat für einen guten Song.
LST: Durch die gemeinsame Arbeit mit Gunter Hampel hatte ich als Jugendlicher einen guten Zugang zum Jazz und habe auch früh „verstanden“, worum es dabei geht. Ich mag die Energie und das Einzigartige, das bei jeder Live Version eines Jazzstückes entsteht. „Solo in Blue“ (2003) ist ein komplett jazziges Album, bei dem ich genau DAS in einem Rap Album eingefangen habe. Ich habe mich also mit den nachfolgenden Veröffentlichungen eher wieder entfernt, da ich auch mit anderen Stilen konform bin und nicht nur Jazz als Einfluss habe. Trotzdem wird es immer diese Einflüsse geben, denn es gab wenige Dinge in meinem Leben, die mich nachhaltig so beeindruckt haben, wie die Zeit mit „Gunter Hampel’s Next Generation“ auf Tour.

LST: Ich bin seit Volume 1. mit Philipp Wackerbeck viel für den „Netzwerke Sampler“ tätig, als MC, sowohl in der Konzeption, Design & Werbung. (www.netzwerke.bandcamp.com). Der bereits vierte Sampler erschien vor zwei Wochen am 23.04.2010. Das BlueHeads Projekt gibt es immer noch, wir haben auch noch genug Material für ein weiteres Album im Kopf und auf der Festplatte, jedoch ist es durch die Entfernung Köln-Kassel immer etwas mühsam weiter zu arbeiten. Rhymellow und ich haben auch immer einen sehr ausgefüllten Zeitplan. Etwas Abgeschlossenes wird bald zu hören sein. Wir haben ein Album zum 10-jährigen Jubiläum unseres Labels RoughRemarksProduktions (1999 gegründet) fertig, das nur noch gemastert werden muss. Produziert haben Rhymellow, HighNoon und Ich. Alles andere kündige ich lieber an, wenn es im Presswerk ist.
Action speaks louder than words!


