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Interview: MC René

geschrieben am 12.07.2002
von Torsten Landsberg
Bassdraft: Dein neues Album heißt “Scheiss Auf Euren HipHop”. Titel als Programm?

MC René: Es ist eher eine Subtextaussage, die MC René schon seit Jahren beschreibt, weil ich immer alles anders mache. Was andere unter HipHop verstehen und was sie für Regeln aufstellen, darauf scheiß‘ ich eben, auf das Konforme, das Uniformierte. Es ist insofern Programm, daß es bedeutet: Versuch‘, die Regeln zu brechen. Auf dem Album handeln nur zwei Titel von HipHop, “Scheiss Auf Euren HipHop” bedeutet nichts anderes als: Laßt uns nicht immer nur über HipHop quatschen.

MC Rene
Bassdraft: Wer soll sich angesprochen fühlen?

MC René: Viele meinen, die Hater sollen sich angesprochen fühlen. Die Leute, die immer nur auf ihren Ich-fick-dich-Filmen rumreiten. Ich nenn‘ keine Namen, weil ich keine Promotion für die machen will. Die Leute wissen schon, daß ich sie meine.

Bassdraft: Aber dieses ständige anonyme Dissen macht doch keinen Sinn. Der Stil von Nas und Jay Z ist doch viel offener und dadurch ehrlicher.

MC René: Da sagen sie es natürlich direkt, aber das ist auch eine andere Kategorie. Ich bin in dem Sinne ja kein Battler. Ich hatte zwar auch mal ein Battle laufen mit so einem Rapper, aber das läuft von meiner Seite auf einer reinen Entertainment-Schiene. Ich bin kein MC, der ohne Motiv provoziert. Diese imaginären Feindbilder fördern vielleicht einen positiven Strom, bleiben letztlich aber unreal. Das sind extreme Widersprüche, und von diesem HipHop distanziere ich mich halt.

Bassdraft: Dieser Rapper ist Azad?

MC René: Ja klar, das ist das einzige, was da am Laufen ist.

Bassdraft: Herrscht hier denn ein beidseitiges Verständnis von Entertainment?

MC René: Nee (lacht). Er nimmt es natürlich total ernst. Sie tun halt immer so, als wenn ich kein Gegner wär‘ und man mich nicht ernst zu nehmen braucht. Aber komischerweise beschäftigen sich en masse Leute mit mir. Wenn ich kein Thema wär‘ und es niemanden interessieren würde, warum quatschen die soviel darüber? Ich habe es gemacht, um zu provozieren und Öl ins Feuer zu gießen, damit mal was passiert. Ich nehm‘ das, was ich mache, schon ernst, aber nicht so ernst, daß ich den Scheiß glaube, den die Jungs da erzählen.

Bassdraft: Du giltst als Spaßrapper, wirkst auf dem neuen Album aber ernst und durchdacht. Ist bei dir selber eine Art Wandel eingetreten?

MC René: Natürlich hab‘ ich mich gewandelt. Das sind gedankliche Ansätze, die ich auf der “Renevolution” bereits manifestiert und nun weitergeführt hab‘. Der Track “Kein Bisschen Weise” beinhaltet beispielsweise die Relation der Probleme, die wir in unserem System haben zu den Problemen, die andere Leute haben. Vielleicht hören die Leute mal auf, nur über ihre eigenen Probleme nachzudenken, weil sie eigentlich wissen sollten, daß es uns supergeil geht. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, ein Album zu machen, das Kontroversen erzeugt, das MC René als Rapper zeigt, wie man ihn live kennt. Mit seiner Akrobatik, seinem Flow und vor allem von den Textinhalten, daß die Leute einfach sehen: Woah, der hat ja doch ‘ne Menge zu sagen. Viele Leute machen sich nicht wie Du die Mühe und hören es sich richtig an, sondern sagen von vornherein, es ist scheiße. Das bestätigt letztendlich die These “Scheiss Auf Euren HipHop”. Durch die Ernsthaftigkeit des Albums legitimiere ich auch für die nächsten Alben, die kopfschwangere Scheiße wegzulassen und das lockere Ding weiterzumachen.

Bassdraft: Bei “Kein Bißchen Weise” gibt es die Zeile “Millionen sterben, weil man die Atombombe gebaut hat und hier diskutiert die Rapnation, wer wem den Beat geklaut hat”.

MC René: Ganz genau! Ich setze das in Relation, damit die Leute sehen, daß vieles, worüber sie sich aufregen, doch echt für den Arsch ist. D-Flame hat sich mal über mich aufgeregt, weil ich in einem Beitrag gesagt habe: Ey, wir brauchen hier einen Neger. Darüber regen sich Leute auf und wollen eine politische Diskussion führen über MC René, der selbst Afrikaner ist. Gewisse Leute brauchen keinen Grund, sondern suchen sich einen.

Bassdraft: D-Flame mokiert sich auf dem Track “Öffne Die Augen” darüber, daß Weiße “Nigger” sagen. Wird eine Negerattitüde vorgelebt?

MC René: Die haben es ja übernommen und legitimieren es dadurch, daß sie eine dunkle Hautfarbe haben. Eigentlich sollte das Ziel der Sache aber sein, mal weg von diesem Hautfarben-Ding zu kommen. Wenn man es aber immer in diesem Schwarz/Weiß sieht, darf man sich nicht wundern, wenn man nicht mehr ernst genommen wird. Ich sehe da einen tiefen Komplex.

Bassdraft: Hattest du an den Mixery-Live-Battles Spaß?

MC René: Ich hatte meinen Spaß und auch meinen Abturn. Ich höre nach der ersten Zeile, ob die Person tight ist oder nicht. Manchmal war es echt lustig, weil einige so beschissen waren, daß es zur Freakshow wurde. Viele haben es mit einem Schmunzeln gesehen, weil es teilweise so schlecht war. Das Bild, das vermittelt wurde, war nicht immer das beste.

Bassdraft: Battles sind inzwischen überschwemmt von Fäkalsprache.

MC René: Es ist halt das Einfachste. Es gibt in Deutschland viele Stile, die sich etabliert haben, und das ist einer davon. Der lutscht sich aber auch gerade aus. Es gibt einen Originator und Kopien. Und Kopien werden immer Kopien bleiben, wenn sie nicht aus dem Schatten heraustreten. Den Mut, etwas Neues zu bringen, gehen die wenigsten ein.

Bassdraft: Dir wird vorgeworfen, du wärst in Deiner Mixery Raw Deluxe-Zeit schlecht auf die Sendungen vorbereitet gewesen.

MC René: Ich hab‘ mich auch nie vorbereitet. Ich höre Musik von den Leuten und teilweise war es dann halt 08/15, und da weiß ich auch nichts zu fragen. Ich wußte, wenn ich die Frage stelle, bekomm‘ ich die und die Antwort. Mein Motto war, die Leute reden zu lassen, damit man sich vor dem Fernseher selbst ein Bild machen konnte. Ich will kein künstliches HipHop-Matrix-Bild erzeugen.

Bassdraft: Spiegeln sich die Erfahrungen mit nichtssagenden Interviewpartnern im Albumtitel wieder?

MC René: Eher sekundär. In dem Song “Namenlose MCs” habe ich das thematisiert mit der Zeile “interviewte viel zu lang eine Pseudo-Herrenrasse”. Das ist aber mehr Aufhänger für die namenlosen MCs, die Talente, die keine Möglichkeit haben, das zu zeigen. Viele leben einfach nur das nach, was sie bei anderen sehen, beispielsweise bei Nas oder Mobb Deep. Ich habe durch Mixery viele gesehen, die sich nicht selbst entwickelt haben, sondern nur so taten, wie sie es aus Videos kannten.

Bassdraft: Du greifst das Thema in “Whack Und Kommerz” auf.

MC René: Bei diesem Album kann man nicht sagen, daß die Texte schlecht oder flach sind – egal, wie sehr man mich haßt. Nur weil man MC René scheiße findet, kann man nicht sagen, daß die Texte keine Inhalte haben. Wäre das Album von einem Newcomer, würden es alle loben und die Texte toll finden. Das Album und speziell der Song “Whack Und Kommerz” führen natürlich zu Kontroversen und Diskussionen.

Bassdraft: “Pump Up Den Shit”, die erste Auskopplung, repräsentiert nicht gerade den Charakter des Albums.

MC René: Man kann von der Single tatsächlich nicht auf das Album schließen. Es ist eine reine Party-Tanzbombe. Der Grund, warum wir uns für “Pump Up Den Shit” als erste Single entschieden haben, waren die vielen bedeutungsschwangeren Tracks, die es in letzter Zeit gab. Samy, Die Firma, Curse haben solche Sachen gemacht, und ich wollte mich da nicht noch einreihen. Außerdem gibt es in Deutschland wenige Tracks, die richtig in den Clubs bouncen und die mal so richtig abgehen. Letztendlich steht aber kein Track für das ganze Album.

Bassdraft: Jetzt sorgst Du bei “Alles Pocher” auf VIVA für Stimmung.

MC René: Nach Mixery habe ich das Angebot bekommen, die Sendung mit Freestyles zusammenzufassen, Einspieler zu drehen, HipHop-Schule zu machen. Ich wußte, daß mich wieder Gott und die Welt zerreißt. Ich wurde aber dafür belohnt, denn so konnte ich beispielsweise Busta Rhymes treffen und über “Break Your Neck” einen Freestyle mit ihm machen. Das hätte ich bei Mixery nie machen können, weil alle ein deepes Interview erwartet hätten. Ich versuche dadurch auch, eine Genre-Unabhängigkeit zu erreichen, daß den Leuten das gefällt, was sie von mir hören – nicht, weil es HipHop ist, sondern weil es der Reen ist.