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Interview: Morlockk Dilemma - Der Eiserne Besen

geschrieben am 21.04.2010
von Cracc

Morlockk Dilemma begann Ende der 90iger Jahre in Leipzig mit dem Rappen. Von Anfang an ist die markante Stimme und ein schneller punchender Rapstil sein Markenzeichen, welchen er mit jeder Release weiter ausfeilt. 2003 veröffentlichte er sein erstes Solotape „Egoshooter“. Nach der Gründung von Snuff Pro erschienen 2006 „Index´Finest“ und 2008 „Omnipotenz in D-Moll“ über das Leipziger Label. Daneben schloss er sich mit dem befreundeten Berliner V.Mann alias Hiob zu einer Crew zusammen. Aus dieser Verbindung entstanden bis jetzt die zwei Alben „Hang zur Dramatik“ (2007) und „Apokalypse Jetzt“ (2009). Genau wie sein Rapstil ziehen sich neben klassischen Battle-Lyrics düstere Endzeitvisionen durch Morlockks Veröffentlichungen. Sein neues Mixtape „Der Eiserne Besen“ wird Anfang Mai diese Serie fortführen. Zu Unterschieden gegenüber früherer Alben, Inspirationen, Visionen und Zukunftsplänen gab uns Morlockk Dilemma in einem Interview bereitwillig Auskunft.

Morlockk Dilemma
Bassdraft: Dein neues Mixtape „Der Eiserne Besen“ kommt am 1. Mai. Was erwartet den Hörer und was unterscheidet es von deinen anderen Werken?

Morlockk Dilemma: Als erstes ist es ein neues Format für mich. Ob man das jetzt Mixtape nennen will, bleibt jedem selbst überlassen. Ich habe es zwar selbst als solches angekündigt, bin aber momentan gar nicht mehr zufrieden mit dieser Bezeichnung. Es ist ein gemixtes Werk voller Exclusives, Remixen, Beats. Definitiv habe ich vom Material so etwas noch nicht gehört.

Bei einem „normalen“ Mixtape hat man immer vor Augen, dass da auf irgendwelche Amibeats gerappt wird. Das ist bei „Der Eiserne Besen“ nicht der Fall. Alle Beats sind von mir oder von diversen anderen deutschen Produzenten, die ich sehr feier und die für dieses Projekt Beats beigesteuert haben. Teilweise bestehen die Tracks nur aus einem 16er, dann ein harter Cut und schon kommt das nächste Lied. Oder ein schönes Interlude und dann ein 3-Minuten Track. Es hat schon was von einer Mischkassette, wo man sich seine Lieblingsstellen zusammen schneidet und alles sehr kurzweilig ist. Das war die Grundidee des Projekts. Nach „Apokalypse Jetzt“, was sehr durchkonzipiert war, wollte ich einfach etwas unverkrampftes, lockeres heraus bringen. Meinen Kopf frei fegen. Das ist auch ein Grund, warum ich den Titel „Der Eiserne Besen“ gewählt habe.

Zum anderen unterscheidet sich das Tape von anderen Releases durch den Inhalt, weil es straight Battlerap ist.

Bassdraft: Bei MRD hast du letztes Jahr gesagt, das nächste Album wäre lebensbejaend und würde „Der Eiserne Besen“ heißen. Der Name weckt bei mir im Rap-Kontext die Assoziation, dass du in der Rapszene einen Kehraus veranstaltest und dabei keine Gnade zeigst. Das Cover unterstützt diese Sicht auch. Hat die Metapher für dich noch eine andere Bedeutung?

Morlockk Dilemma: Natürlich war das in der Mixerysendung nur ein Gag. Interviewer haben halt immer gefragt, wann mal etwas „weniger düsteres“ rauskommt. Nebenbei bemerkt, finde ich meine Sachen gar nicht so düster, sondern eher cartoonesk und brüllend komisch. „Der Eiserne Besen“ ist demzufolge nicht besonders lebensbejahend, zumindest nicht für den imaginären Battlegegner, der auf dem Tape anvisiert wird. Natürlich wird hier aufgeräumt, weggefegt usw. Das sagt der Titel ja. Es ist kein Album im klassischen Sinne, dafür wäre es mir zu einseitig vom Inhalt, aber dafür 70 Minuten mit Anlauf in die Fresse. Das macht Spaß und wirkt sich auf das Leben der Hörer erquickend und leistungssteigernd aus. Ansonsten hat „Der Eiserne Besen“ keine Bedeutung, schon gar keine politische, wie z.B. bei „Apokalypse Jetzt“.

Bassdraft: Ich habe dieses Zitat benutzt, um dich über einen Umweg auf das Thema anzusprechen. Wenn du jetzt Gutelaune-Musik machen würdest, hätte ich auf jeden Fall eine Verschwörungstheorie in der Hinterhand. Ich drehe die Fragestellung mal um: Kannst du dir vorstellen den Humor und die comichaften Überzeichnungen wegzulassen und ein richtig „finsteres“ Album zu machen?

Morlockk Dilemma: Begrifflichkeiten wie „finster“ und „humorvoll“ liegen ja immer im Auge des Betrachters. Ich weiß selbst, dass viele Themen auf meinen Alben keine leichte Kost sind, aber ich denke, dass Humor ein wichtiges Element ist, um es alles ein wenig verdaulicher zu verpacken. Im Grunde bin ich ein sehr positiver Mensch, der gern Witze reißt und kein von der Melancholie gepeinigter Griesgram. Ich finde aber, dass das eine nicht ohne das andere funktioniert und dass Gleichgewicht ein erstrebenswerter Zustand ist. Die Frage ist auch, wie dann dieses „finstere“ Album auszusehen hätte. Ich glaube ohne Humor und Überzeichnungen wäre das nämlich ziemlich langweilig und plump.

Bassdraft: Das erste Teaser-Video ist ja bereits erschienen. Du stellst dich darin als der Gehörnte dar, auch auf dem Cover zum Mixtape schwingt der Gehörnte den Besen. Kann man diese Darstellung als den Satan auffassen oder spielst du auf die ursprüngliche Bedeutung als Gott der Natur an?

Morlockk Dilemma: Das ist die Darstellung vom Eisernen Besen, so wie er mir im Traum erschien. Ich habe mir sein Antlitz nicht ausgedacht. Er sieht nun mal so aus; ich bin dabei nur sein Sprachrohr und werde von ihm gezwungen, mich in so alberne Baphometkostüme zu quetschen und ihn somit zum Leben zu erwecken. Mein ganz persönliches Geppettoerlebnis.

Bassdraft: Von wem genau wirst du denn gezwungen?

Morlockk Dilemma: Na vom Besen himself.

Bassdraft: Im Teaservideo werden Effekte benutzt, die an frühe Science-Fiction Filme erinnern. Die Musik kommt mir in dem Zusammenhang auch verdammt bekannt vor. Desweiteren sind mir auch bei vielen älteren Songs Anleihen aus SF-Movies aufgefallen. Hast du eine besondere Beziehung zu diesen Filmen?

Morlockk Dilemma: Ich liebe Trashfilme; die Sound- und visuelle Ästhetik des 70er Blaxploitation- und Gewaltkinos. Das hört man natürlich aus meinen Beats raus, weil ich vieles aus Soundtracks dieser Zeit benutze. Dass ich das irgendwann visuell umsetze, war schon lange geplant. Im Übrigen kommt der Eiserne Besen auch aus den 70ern. Er ist die Folge eines missglückten Stop-Motion-Special-Effects. Er ist nur zurückgekehrt, um den Hauptrechner zu zerstören, der für „Avatar“ verantwortlich ist. Denn der Besen weiß, dass es sich bei diesem Film nur um den Vorboten für reale Avatare handelt, die irgendwann gegen die Menschheit kämpfen. James Cameron hat es ja schon vor knapp 20 Jahren mit einem anderen Film vorgeführt, wohin die Reise geht, um sich dabei in die Liste vergleichbarer Visionäre wie Wells oder Disney einzugliedern. Welche Ironie, dass es der Eiserne Besen dem Terminator nun gleich tun wird, um die Verantwortlichen für die Apokalypse von morgen wegzufegen. Oder so ähnlich…

Bassdraft: In Deutschland hat sich in diesem Genre schon lange nichts Nennenswertes getan. Würdest du dich gern in diese Namensliste einreihen und einen Film drehen?

Morlockk Dilemma: Dafür fehlt Geld und Zeit. Ich würde so viele Dinge gern realisieren, aber man muss solche Sachen ja auch erstmal lernen und sich ausprobieren. Filme drehen ist auf jeden Fall reizvoll, aber genau so Bücher schreiben. Ich denke, ich werde erstmal ein Buch schreiben.

Bassdraft: Den Sinn von Morlockk in deinem Namen habe ich am Anfang übersehen. Die Erleuchtung kam mir erst, als du auf „Apokalypse Jetzt“ davon rapptest, noch ein paar Elois essen zu müssen. In einem Interview sagtest du, dass Morlockk für Underground steht und Dilemma, weil du in einem steckst. Wenn man die beiden Begriffe in Hinblick auf „Timemachine“ und den Menschen als Ende der Nahrungskette zusammen nimmt, ergibt das nicht einen viel tieferen Sinn?

Morlockk Dilemma: Kann sein. Der Mensch am Ende der Nahrungskette ist definitiv ein amüsanter Gedanke, der mich gleichzeitig verstört. Ansonsten: Ja, der Morlockk ist auch ein Arbeitstier, der in einem Loch wohnt. Dann hat es sich aber auch mit den Ähnlichkeiten zu schrecklich behaarten Fabelwesen. Frauen laufen selten schreiend vor mir davon.

Bassdraft: Einige kommerziell erfolgreich und allgemein anerkannte Rapper führen dich als deutschsprachigen MC an, den sie in Sachen Technik und Texte hervorheben. Es gab da kürzlich eine Abstimmung der 20 besten MCs. Du bist da überhaupt nicht vertreten. Ärgert dich das? Interessiert dich so etwas überhaupt?

Morlockk Dilemma: Ich bekomme so was am Rande mit, aber es trübt weder meine Gedanken, noch würde es mich in eine ausgedehnte Sektlaune versetzen, falls mein Name in irgendwelchen Votings auftaucht oder eben nicht. Was ist denn ein guter MC? Ich kenne bestimmt fünf Rapper, vor deren Arbeit ich einen Heidenrespekt habe, die bestimmt nicht mal bei diesen Awards aufgetaucht sind. Das macht sie für mich aber nicht zu weniger respektablen Artists. Das heißt natürlich nicht im Umkehrschluss, dass es die Rapper dieser Top20 nicht verdient hätten, da zu stehen. Am Ende ist es nur eine Egoschmeichelei und führt meines Erachtens bloß zu Missgunst und Zwietracht zwischen Künstlern, weil sicherlich viele verärgert sind, dass DER vor ihnen aufgeführt oder SIE nicht erwähnt wurden usw.

Aber den Menschen dürstet es eben nun mal nach einem Vergleich, er möchte sich und sein Schaffen eingeordnet sehen, er will ein Stückchen Zucker zur Belohnung. Ich sage: Gebt ihnen die Awards und lasst die Spiele beginnen. Ich verkaufe in der Zwischenzeit Popcorn an die Schimpansencrowd.

Bassdraft: Wenn ich mir die Featureliste auf dem Mixtape ansehen, sind da nicht die bekanntesten Namen aus Deutschland zu finden, obwohl du diese Künstler bestimmt mobilisieren könntest. Für mich stehen du und die Featuregäste symbolisch für eine neue Generation, die in Sachen Qualität und Anspruch längst ein neues Level eingeläutet hat. Seht ihr euch selbst eine Art künstlerische Strömung wie etwa in der Malerei die Grupper Der Blaue Reiter?

Morlockk Dilemma: Ich gebe zu, dass ich das erstmal nachschlagen musste :) Also für eine „neue“ Generation sind viele auf dem Tape einfach zu alt. Ich würde einfach sagen, dass alle darauf sind, die ich persönlich feier und bei denen es eine Schnittmenge zu meiner Musik gibt. Das ist aber kein verschworener Kreis oder irgendeine Untergrundsekte. Auch gibt es da noch einige Leute, mit denen ich noch gerne was machen möchte, die nicht auf dem Tape sind. Ich bin kein Dogmatiker, was Musik betrifft. Mir gefällt mehr, als viele vielleicht denken. Aber ich mache nun mal diese Art Musik. Dies ist mein kleines Utopia, in das mir niemand auf der Welt reinreden kann und das ist eine Art von Freiheit, in der Geld eine solch marginale Rolle spielt, dass ich jedes Mal schmunzeln muss, wenn ich Abrechnungen unterschreibe. Denn sie bezahlen mich für Dinge, die ich liebe. Ich meine, das sollen sie auch und nicht zu knapp. Aber du gehst auf eine Bühne und verlangst, dass sich der Pöbel in den Staub wirft und der Pöbel erschlägt dich mit Golddukaten. Ein Aphrodisiakum!

Bassdraft: Damit du diese Substanz weiterhin zugeführt bekommst, dürfen wir uns hoffentlich noch sehr lange auf deine Präsenz freuen. Welche neuen Projekte stehen denn nach dem Mixtape an?

Morlockk Dilemma: Es wird im Sommer eine Vinyl EP von mir und Hiob geben, auf der wir Stücke von „Apokalypse Jetzt“ geremixt haben. Darauf wird es natürlich auch Exclusives und ein paar kleine Überraschungen geben.

Dann sitz ich schon an meinem nächsten Album, was „Circus Maximus“ heißt und im Herbst dieses Jahres erscheint. Danach werd ich wohl eine EP-Reihe starten, auf der ich jeweils mit verschiedenen Künstlern zusammen arbeiten werde. Da gibt es aber noch keine Titel. Sicherlich wird irgendwann auch noch ein Album mit Hiob folgen, aber der sitzt, soweit ich weiß, erstmal an seinem Soloalbum.