Interview: Patrice
von Paul Schlagk
Wer hatte sich nicht wenigstens ein wenig in sein Debüt “Ancient Spirit” verliebt, das geschmückt mit Reggae-Perlen wie “Queens” oder “Murderer” vorzüglich zu Sonne, Liebe und purer Lebensfreude paßte? Auch der Nachfolger, das neue Album “How Do You Call It?” ist wieder verträumt und gleichzeitig tanzbar, insgesamt aber deutlich ruhiger geworden. Neben der bereits von ihm bekannten Kombination seiner Akustikgitarre mit elektronischen Beats tauchen erstaunlich oft Streicher auf, die manchen Songs einen recht schmalzigen Touch geben. Faszinierend dagegen ist immer wieder die ausdrucksstarke Stimme des 23jährigen Musikers, der – nebenbei erwähnt – inzwischen zahlreiche Konzerterfahrungen sammeln konnte, unter anderem in Kalifornien und Senegal. Irgendwie fehlen trotzdem die magischen Momente des Debüts, das zwar auch einige Schwachstellen besaß, aber dann immer wieder eine faszinierende Kraft zu entfalten wußte. Bei “How Do You Call It?”, einer Scheibe, die man sicher gut durchlaufen lassen kann, wirkt sowohl das Songwriting als auch das Arrangement teilweise zu austauschbar. Wer Lust auf eine facettenreiche Platte mit einer entspannten Grundstimmung hat, sollte hier trotz allem reinhören und sich ruhig ein wenig Zeit lassen. Bei mir jedenfalls hat es ziemlich lange gedauert, bis ich mich mit einem Teil der Songs anfreunden konnte. Natürlich gab es zu dieser Veröffentlichung auch eine kleine Promo-Tour, die Anfang September in Berlin Halt machte. Nach einer kräftigen Verspätung meinerseits traf ich auf einen ziemlich ausgelaugten Patrice, was nach mehr als acht Stunden Interviewmarathon nicht wirklich schwer nachzuvollziehen ist.

Patrice: Vielleicht liegt das daran, daß ich mehr singe. Das erste Album war eher im Singjay-Style gebracht. Das neue Album hat mehr Souleinflüsse, ist aber im großen und ganzen schneller. Ich mache verschiedene Projekte, es wird vielleicht auch mal etwas Härteres von mir kommen. Aber Patrice-Alben werden immer sehr breit gefächert und jenseits von irgendwelchen Genres einfach nach Musik ohne Grenzen klingen.
Patrice: Ich denke weder, daß ich ein reiner Reggaekünstler bin, noch daß das neue Album ein Reggae-Album ist. Ich sehe mich vor allem einfach als Songwriter. Da irgendwie alle erwartet haben, daß ich jetzt ein Reggae-Album mache, habe ich keins gemacht. Das war jetzt nicht der einzige Grund, aber ich mag es halt nicht so, Erwartungen gerecht zu werden.
Patrice: Ich glaube, es sind mehr Liebeslieder auf dem neuen Album, das hat wahrscheinlich mit den persönlichen Erfahrungen dieser Zeit zu tun. Ich hatte so eine Phase, wo ich ehrlich gesagt nicht wußte, ob es etwas bringt, über bestimmte Sachen zu reden. Da habe ich dann eher dazu tendiert, Liebeslieder zu schreiben. Das erste Album war noch jung, unschuldig und klar und direkt in der Aussage. Ich liebe es für das, was es ist, doch ich wollte mich nicht wiederholen. Das neue Album hat eine ähnliche Kernaussage, ist nur etwas abstrakter. “Up In My Room” versteht man zum Beispiel beim ersten Hören als ein Party-Liebeslied, aber im Endeffekt steht der Titel eigentlich sinnbildlich für meinen Kopf. Mit der Zeile “When I´m thinking of you” meine ich keine Frau, sondern einen paradiesischen Zustand.
Patrice: Die Musik, die ich mache, hat eine Geschichte. Sie kommt aus Afrika, wurde versklavt, und durch Spirituals und Gospels kamen der Blues, Jazz und später ganz verschiedene Zweige wie etwa Reggae dazu. Es kommt alles von derselben Mutter. Ich sehe mich als Teil dieser Kultur, und alles, was vor mir kam, hat dazu beigetragen, daß Musik heute klingt wie sie eben klingt. Als ich angefangen habe, Gitarre zu spielen, habe ich Bob Dylan zugehört oder die Soli von Slash und Kirk Hammett geübt. Auch diese Musik hat mich beeinflußt, aber es waren schon hauptsächlich Leute wie Bob Marley oder Stevie Wonder, die mich zu der Musik geführt haben, die ich jetzt mache.

