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Interview: Pimps Im Park

geschrieben am 01.04.2010
von Cracc

Gelangweilt klicke ich mich durch die Neuheiten eines großen Musikvertriebs und entdecke einen Künstlernamen, der mir überhaupt nichts sagt: Pimps Im Park. Auf Autopilot geschaltet dudeln die Soundbeispiele vor sich hin, als beim E-Mails-Lesen die Aufmerksamkeit von meinen Augen auf die Ohren umgeleitet wird: Die Rapper der Band sind das Gegenteil von schlecht und eine Stimme kommt mir seltsam bekannt vor. Nach dem studieren der Presseinfo, weiß ich, die Rapper sind eine physische Person, die alles andere als ein Anfänger ist. Nachdem ich das Album vollständig mehrmals angehört hatte, entstand dieses Interview mit Martin Jungck aka Meista O aka Mister Tickler aka Autisti.

Pimps Im Park
Bassdraft: Ich habe mir das Album einige Male angehört, könnte aber in kurzer Form nicht präzise beschreiben, was ich da gehört habe, von den Texten mal ganz abgesehen. Ist das das Konzept gewesen? Wie würdest du das Album jemanden erklären?

Das Album ist eine Suche, wenn man so will die Suche nach dem Park. Es sucht einen Platz an dem ich mich aufhalten will, wo ich mich einigermaßen zuhause fühle und von dem aus ich dann weitere Suchen starten kann. Das gilt sowohl für die Musik als auch für die Art zu schreiben. Es ging darum, in meinem Kopf einen solchen Ort herzustellen - einen Park in meinem Hirn. Das hat dann im Produktionsprozess der Platte immer konkretere Formen angenommen, musikalisch und textlich.

Was vielleicht die Schwierigkeit der Beschreibung für dich ausmacht, ist, dass dieses Album eine Entwicklung in sich trägt und nicht nur das Ende einer Entwicklung darstellt.

Musikalisch z.B.: Ich komme aus der Beatschrauber Ecke und die früheren Lieder sind Sample basiert entstanden. Dann haben wir ein eigenes Studio gegründet und ich bin viel mit Livemusikern unterwegs gewesen, was auch meine Produktionsweise verändert hat. Diese ganze Entwicklung ist auf der Platte präsent und macht sie deshalb uneinheitlich, nicht einfach, aber abwechslungsreich und ehrlich. Und sie wird immer besser, je häufiger man sie hört.

Bassdraft: Die Schwierigkeit besteht eher darin, dass jeder Song andere musikalische Einflüsse besitzt, aber trotzdem nicht einfach ins Schema Dancehall, Hip Hop oder Funk gepresst werden kann. Das ist alles und wiederum nichts Greifbares. Als gesamte CD wird es natürlich noch schwieriger. Es wirkt wie ein homogener Sampler, aber irgendwie auch schizophren. Stammt das alles aus deiner Feder?

Nein. Ich habe einen Großteil der Beatideen gehabt, es gab aber auch andere Produzenten wie Teka von Rootdown und DJ Zdan. Auch MTT mein Posaunist und MoSoul mein Gitarrist haben an einigen Songs mitgeschrieben. Dieser Eindruck des homogenen Samplers, den du beschreibst, hat aber genau wieder mit der Entwicklung zu tun. Diese Suche nach dem Park hat mich alles ausprobieren lassen, egal woher jetzt die musikalischen Einflüsse kamen ob Dancehall, Latin, Funk oder Synthie HipHop. Das war eben auch ein Befreiungsschlag gegen jegliches Schema, um dann am Ende ein eigenes Schema für mich, für uns zu entdecken oder gar herzustellen. Parkmusik, Pimpmusik oder wie immer man es nennen will. Die Verwirrung für mich und für dich ist notwendig, um der vorschnellen Kategorisierung vorzugreifen. Man muss innehalten und fragen, was war das jetzt? Wie man das wirklich beschreibt, wird sich auch durch unsere zukünftige Musik definieren.

zugehörige VÖs:

Pimps Im Park - Willkommen Im Park (Album - 03/2010)
Pimps Im Park - Willkommen Im Park Pimps Im Park - Willkommen Im Park (CD, Soulplex Recordings, 2010 )
Bassdraft: In erster Linie hat mich der bombastische klare Sound weggeblasen. Vor allem die vielfältigen Instrumente heben das weit über den Standard. Ist das alles live eingespielt?

Es gibt Samples auf der Platte, es gibt Synthies, und es gibt Live-Instrumente. Ich bin in der glücklichen Lage mittlerweile jede Instrumentierung, die ich haben will, auch live einspielen zu lassen. Wir haben in Köln vor einiger Zeit ein eigenes Musikstudio gegründet, das Parkhaus, und ich muss mich deshalb nicht um Studiokosten scheren. Meine beiden Studiokollegen Mo Soul und MTT, beide auch Mitglieder der Pimps im Park, greifen mir bei Bläsersätzen, komplizierteren Arrangements usw. kräftig unter die Arme. Wir haben viel Zeit herumzuprobieren und den richtigen Sound zu finden, das ist ein Grund für den klaren bombastischen Sound.

Bassdraft: Beim Song „Mr. Tickler“ gibt es diese Orchestersounds und die Kinderstimmen. Stellst du den Entstehungsprozess von der Idee bis zur Endversion am Beispiel dieses Song bitte mal dar?

Jetzt testest du aber wirklich mein Gedächtnis. Das ist einer der ältesten Songs und den genauen Entstehungsprozess kriege ich vielleicht nicht mehr rekonstruiert. Ich glaube, es fing damit an, dass ich einen Teil des Textes geschrieben hatte, ich denke die zweite Strophe. Es war das zweite Lied, in dem Klaus auftauchte, und ich wollte eine bestimmte leicht düstere Atmosphäre. Also habe mit einigen Orchester Samples herumgewerkelt, die in viele kleine Teile geschnitten und diesen stampfenden, etwas hölzernen und bedrohlichen Beat geschraubt. Dann habe ich den Text zu Ende geschrieben und mir danach erst einmal Gedanken über die Inszenierung der Charakterwechsel von mir zu Klaus (Mister Tickler) hin gemacht. Da entstand die Idee mit den quasi Hörspielelementen am Anfang der jeweiligen Strophen. Dafür brauchte ich wieder eigene Musik, legte also ein anderes Sample darunter, wie auch ein Songende, um einen zum Abschluss aus dieser psychotischen Stimmung langsam herauszuholen. Der Kinderchor kam als Letztes. Das Kind ist ja ein übliches Stilmittel in Horrorfilmen oder Psychothrillern, wenn es in einem bösen oder unheimlichen Kontext auftaucht. Ich wollte das einfach mal ausprobieren und auf diese psychische Schiene münzen. Angela Luis, eine Soulsängerin aus dem Parkhaus, gab in der Zeit einer Gruppe von kleinen Mädels Gesangsunterricht. Die habe ich gefragt, ob sie einen Kinderchor simulieren wollten und die hatten voll Lust darauf und dann habe ich das unter den Refrain gelegt.

Bassdraft: Wie setzt ihr das Ganze live um?

Wir treten als achtköpfige Crew auf, mit großer Band, Gesang, Bläser usw. Die Stücke haben wir für die Liveauftritte umarrangiert, um komplett frei spielen zu können. Damit sind unsere Auftritte jetzt auch Hölle! (lachen) Nie hat mir live spielen mehr Spaß gemacht! Ganz egal vor wem wir spielen, wir kriegen sie alle. Das ist sogar soweit ausgeufert, dass ich ab und zu nur mit meinem Gitarristen und Posaunisten auftrete, nur um auftreten zu können. Es gibt Locations, die sind zu klein für die ganze Band. Kein Problem, wenn wir Bock haben, fahren wir dann eben zu dritt dahin. Und was ich vorher nie gedacht hätte, auch das funktioniert. Sehr gut sogar.

Bassdraft: Ich kann mir das Live besonders gut auf großen Festivals vorstellen, da es so viele Genres bedient und dadurch ein großes Publikum anspricht. Spielt ihr auch auf klassischen HipHop Jams oder muss man befürchten, dass dort musikalisch eine Logikbombe hochgeht?

Livemusik funktioniert anders. Alles was ich oben für die Platte gesagt habe, gilt hauptsächlich für die Studioaufnahmen. Unsere Musik im Livekontext ist einfach, sie nimmt Leute mit, ist viel direkter und trifft dich in Bauch. Unsere Konzerte sind keine Kopfsache, deshalb kann keine Logikbombe hochgehen. Der Kopf wird auch ab und zu angesprochen, aber letztendlich geht es um Energie, die sich aus Bewegung, Menschenmengen, Freude usw. zusammensetzt und weniger aus Denken. Wir haben schon auf Festivals, in Jazz Clubs, auf Funkparties oder sogar vor so Kölschrockbands wie Brings gespielt und es hat irgendwie immer funktioniert. Und natürlich spielen wir auch auf HipHop Jams, da komm ich her und das hat einen Platz in meinem Herzen. Einzige Voraussetzung ist, dass es die Möglichkeit gibt, dort mit Liveband zu spielen. Und unsere Erfahrung ist, dass die Leute auf den Jams unseren Livesound sehr mögen. Und viele Mcees freuen sich einen Ast, wenn wir dann ein bisschen jammen und Leute auf die Bühne holen und sie zum ersten Mal mit einer Liveband spielen. Ich habe schon die härtesten Hiphop Homies, denen meine Platte wahrscheinlich nie was sagen würde, mit Lächeln auf dem Gesicht nicken gesehen, wenn wir alle unsere Energie auf der Bühne verpulvern. Livemusik hat eine unglaubliche Fähigkeit, Leute zu verbinden, Denkschranken zu überwinden und den Moment zu erweitern. Für mich sind das mit die schönsten Erfahrungen meines Lebens.

Bassdraft: Du benutzt ja drei Alter Egos auf dem Album Meista O, Mister Tickler und Autisti. Im Studio kann man die Parts getrennt aufnehmen. Schaffst du es bei Livegigs immer deine Stimme entsprechend anzupassen oder kommt es auch vor das z.B. Mister Tickler plötzlich den Duktus von Meista O annimmt?

Das ist eine gute und berechtigte Frage. Es ist schon vorgekommen, passiert aber mittlerweile eigentlich nicht mehr. Das war auch mehr ein Problem der generellen Live Performance einiger Lieder. Ich habe z.B. anfangs einige male Klaus gespielt, bei Auftritten im Rahmen von größeren Parties. Häufig war der Sound draußen so schlecht, dass die Leute den Text nicht verstanden. Ohne Textverständnis ist es aber sinnlos dieses Lied zu spielen, ich merkte das und konnte mich dann auch nicht mehr richtig in das Lied und die Charaktere hineinversetzen. Als Folge daraus haben wir einfach das Arrangement geändert, in den Strophen wird ein leiser Klangteppich ohne Drums erzeugt, und ich kann dann ganz entspannt die Stimmfärbungen kontrollieren und die Leute verstehen jedes Wort. Erst zum Refrain hin setzen dann Drums ein und das Lied ist viel eindringlicher und unheimlicher auf diese Art und Weise. Das ist nur ein Vorteil mit Livemusikern zu spielen. Du kannst Dinge, die dich stören ganz einfach ändern.

Bassdraft: Gibt es für diese Alter Egos ein festes Konzept oder ist die Entwicklung offen? Wirst du bei Bedarf noch mehr Figuren erschaffen?

Das ist offen. Im Moment komme ich mit den Dreien hin, da sie bestimmte Strömungen im Gedankenwirrwarr gut repräsentieren. Aber im Keller und Speicher des Parkhauses und im dichtesten Geäst des Parks gibt es tausend Stellen, wo sich Wesen versteckt haben könnten.

Bassdraft: Ich bin auf die Musik ursprünglich durch deine markante Stimme aufmerksam geworden, da sie mir an vielen Stellen so bekannt vorkam. Erst nach dem Durchlesen der Presseinfo war ich mir wirklich sicher, dass ich richtig lag. Die letzte Veröffentlichung der Lyroholika war 2002. Warum habt ihr euch damals getrennt und was hast du alles seitdem gemacht?

Es gab viele Gründe. Der Untergang unseres damaligen Labels 3 Finger im Rahmen der Insolvenz der EFA war bestimmt der Wichtigste. Ich wollte auch immer was Eigenes machen und dann ist das so geschehen. Nach der Trennung habe ich erst einmal viel ausprobiert, Musik zusammen mit MoSoul gemacht, der ein unglaublich guter Gitarrist ist. Dann entstand unsere erste Live-Band, die Whatdafunk Band, wir haben das Parkhaus-Studio gegründet, ich habe mein Studium beendet. Später hat sich die Whatdafunk Band wieder aufgelöst, ich fing an Stücke zu schreiben, rief eines Tages die Pimps im Park aus und begann eine neue Liveband zusammenzustellen. In der ganzen Zeit haben wir auch Musik für und mit anderen Künstlern bei uns im Parkhaus gemacht, z.B. Clueso oder unsere Soulbands Luis und Rachel Scharnberg & the Soul Criminals, deren Album im Mai rauskommt.

Bassdraft: Haben die anderen Ex-Member auch andere Projekte bzw. gibt es überhaupt noch Kontakt?

DJ Zdan ist der einzige der Jungs, der noch wirklich aktiv Musik betreibt. Er betreibt ein Elektro Label in Dortmund. XL macht mit seiner Firma neulantvanexel abgefahrenes Möbel- und Architekturdesign in Berlin. Eni und Subsonic haben Jobs und Familie. Ich habe zu allen vieren noch guten Kontakt, gerade Eni und XL sind ja mit meine besten Freunde schon seit der Schulzeit.

Bassdraft: Da du ja schon länger Erfahrung im Musikgeschäft sammelst, was sind aus deiner Sicht die größten Unterschiede im Gegensatz zu vor zehn Jahren, wenn man ein Album professionell veröffentlichen will. Wo lagen damals die Schwierigkeiten und wo heute? Vielleicht hat sich ja auch etwas verbessert?

Künstler haben heute die Möglichkeit, schon mit einem etwas aufgerüsteten Computer einigermaßen professionell Musik zu produzieren und aufzunehmen. Und es gibt die Möglichkeit, das auch ohne übermäßige Kosten übers Internet zu vertreiben. Das bedeutet aber auch, dass unglaublich viele Leute das tun und führt auch zu einem Riesenberg an Müll, der produziert und veröffentlicht wird. Aber es gibt auch Perlen in der Kacke. Es ist dann nicht mehr das Schwierige, eine Platte herzustellen, sondern mit ihr Aufmerksamkeit erreichen, sie muss erstmal gehört werden. Niemand hat Zeit, sich diese ganzen Produktionen, die es meinetwegen im Deutschrap gibt, anzuhören, außerdem würde er vorher an Ohrenbluten sterben.

Also ist es das erste Ziel einer Platte, Thema zu werden, und erst danach den Hörer anzusprechen, eine Platte zu produzieren ist heute nicht mehr das Problem.

Vor zehn Jahren war die Produktion einer Platte schon eine größere Sache, und wenn sie produziert war, hatte sie ganz gute Chancen zumindest angehört zu werden.

Was also stattgefunden hat, ist eine Verschiebung der Auswahl. Früher haben Label, Produktionsfirmen und Geld entschieden, wer eine Platte produzieren kann und damit überhaupt gehört werden kann.

Heute entscheiden eher gute Verbreitungsstrategien, Krassheit/Skandalträchtigkeit und natürlich auch Geld darüber. Das ist zum einen häufig sehr voraussehbar und anstrengend, öffnet aber auch die Chancen mit Kreativität in der Vermarktung neue Wege auch ohne viel Geld zu gehen. Gute Ideen können viel bewirken.

Es hat beides sein Gutes und Schlechtes, ich hab keine Lust zu meckern.

Bassdraft: Ich kann mir vorstellen, dass „Pimps im Park“ bei Marketing-Leuten auf Unverständnis trifft. Habt ihr versucht, das Projekt bei einem Major unterzubringen?

Wir haben nicht gezielt versucht, das zu tun. Da wir durch das Studio, die Musiker aus meiner Band und diverse Künstler einigermaßen Kontakte besitzen, haben wir das Ganze schon dem ein oder anderen R&A vorgespielt. Aber insgesamt weiß ich ja, dass Major Labels sehr vorsichtig sind, was gewagte Dinge betrifft. Sie möchten am liebsten ein funktionierendes Konzept kopieren und auf der sicheren Seite sein. Also dachte ich mir nicht, dass das passt.

Aber eigentlich sind die Marketingmöglichkeiten für die Pimps im Park sehr gut, mal sehen ob wir in der Lage sind, das auszuschöpfen. Das Album war nur sowas wie ein kleiner Startpunkt.

Die wirkliche Reise durch den Park beginnt jetzt.

Bassdraft: Das hört sich interessant an. Was ist denn geplant?

Wir sind im Park angekommen, von jetzt an ist alles bildlicher darstellbar. Und das ist auf verschiedene Weise in verschiedenen Medien möglich. Das soll stattfinden als die klaren Bilder nach der Verwirrung (lacht). Genaueres möchte ich noch nicht verraten. Und wir wollen live spielen, andauernd, und auch dort den Leuten Bilder vermitteln und auch dafür gibt es schon tolle Pläne. Natürlich werden weitere Platten folgen, diesmal relativ schnell, wir sind schon am nächsten Album dran.

Ach ja, danke übrigens für das Interview und das Erkennen meiner Stimme.