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Interview: Prinz Porno

geschrieben am 13.07.2002
von Konrad J. Karkos

Kennt Ihr die Flyer der Lost Elements-Partys? Kennt Ihr die Royal Bunker-Anzeige mit dem Helikopter und seinen Raketen? Kennt Ihr die Cover von der Beatfabrik, DJ Nicon, Bobafett und Gunzales´? Alle diese Grafiken stammen von der Hand eines MCs aus Berlin, der nicht nur grafisch, sondern auch lyrisch zu den besten gehört, die ich je gesehen und gehört habe. In einem Hinterzimmer des neuen Royal Bunkers hat Prinz Porno mit seinem Unternehmen Pornographics seinen Sitz gefunden. Dort feilt er weiter an Weltverschwörungstheorien - wie in den früheren Soziale-Kontakte- und heutigen Beatfabrik-Zeiten - oder an Panzern mit hydraulisch ausklappbaren Propellern. Mit seinem Solodebüt “Radiumreaktion” ist ihm ein weiteres musikalisches Meisterstück gelungen.

Prinz PI
Bassdraft: In Berlin sagen die Bezirke, aus denen ein Mensch kommt, oft viel über die Person aus. Aus welchem Bezirk kommst du eigentlich?

Prinz Porno: Ich komme aus Zehlendorf. Wenn man aus Zehlendorf kommt, muß man sich immer ein bißchen dafür rechtfertigen. Von wegen jeder, der aus Zehlendorf kommt, muß ein Bonzenkind sein oder so. Es stimmt ja auch, daß in Zehlendorf sehr viele reiche Leute leben, doch meine Eltern sind nicht reich. Zehlendorf ist ein Bezirk, mit dem ich desahalb immer ein großes Problem hatte. Die Leute aus den anderen Bezirken akzeptieren dich deswegen nicht, weil du aus Zehlendorf kommst. Mit den Leuten dort selber kannst du nichts anfangen, aber dich selber akzeptieren die auch nicht. Da, wo ich wohne, ist es so, daß 90 Prozent aller Leute zum Abitur von ihren Eltern ein Auto bekommen, dann BWL studieren und sich dann die nächsten sechs Jahre, in denen sie ihr Studium so langsam durchziehen, damit vertreiben, abwechselnd ins 90 Grad, Maddow oder den Sage Club zu gehen und die Tage unterhalb der Woche in irgendwelchen Cafés rumzuhängen. Das ist ein Lifestyle, den ich auf das Tiefste verachte. Genauso wie ich es lächerlich finde, von oben bis unten Ralph Lauren Klamotten zu tragen.

Bassdraft: Aus Zehlendorf kommen ja einige MCs. Ich denke, das hat etwas mit der Stationierung und der Lebensart der Amerikaner dort zu tun. Wurdest du auch so in Richtung HipHop beeinflußt?

Prinz Porno: Mein bester Kumpel im Kindergarten war ein Schwarzer und ein Sohn von einem G.I.. Der hat mir damals schon Sachen aus Amerika an den Start gebracht. Seien es Star Wars Figuren oder andere Spielzeuge. Da halt dort immer diese Amis waren, wurde man schon amerikanisch beeinflußt.

Bassdraft: Waren die Soziale Kontakte (SK), zusammen mit Rasta, dein erstes Projekt oder hast Du schon vorher irgendwo am Mic gestanden?

Prinz Porno: Ich habe schon vorher etwas gemacht. Damals habe ich mit Smexer für einen Kumpel von uns zu Weihnachten ein Album aufgenommen. Das war aber eigentlich nur unfaßbarer Spaß unter Homies. Dann kamen die Soziale Kontakte - Sachen mit Rasta. Beim zweiten SK-Album habe ich schon parallel etwas mit den Beatfabrik-Leuten gemacht. So im Sommer 1998, das waren die Anfangszeiten von SK, habe ich in den Sommerferien ein Album aufgenommen. Da waren alle verreist, und ich hatte überhaupt keine Beats am Start. Also habe ich damit begonnen, zehn Tracks auf Instrumentalen von Platten aufzunehmen. Diese hörten sich dann auch sehr dreckig an. Diese Tracks habe ich dann ungefähr zehn meiner Kumpels geschenkt. Die CD nannte ich “Porno Privat”. Sie beinhaltete dann auch den berüchtigten Track “Keine Liebe”. Irgendein Sucker hat dann diese Lieder ins Internet gestellt. Es ist mir total Banane, daß ich daran nichts verdient habe. Es geht mir darum, daß das Ding “Privat” hieß und das aus guten Gründen. Ich finde es einfach nur scheiße, daß jeder Sucker in Deutschland das Ding kennt, und daß mich Leute ansprechen und fragen, warum ich nicht den “Keine Liebe”-Track bringe. Ich frage dann, woher sie den kennen, und die sagen dann, der läuft bei denen im Radio. Oder irgendwelche Bitches fragen mich nach irgendwelchen Ex-Freundinnen von mir, für die ich Lieder gemacht habe. Ich finde es einfach uncool, daß Leute Texte kennen, die sie nichts angehen. Es ist schon irgendwie verrückt, daß jeder “Keine Liebe” kennt.

zugehörige VÖs:

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Prinz Pi - Neopunk (Album - 10/2008)
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Bassdraft: Aber du hast doch dann “Keine-Liebe” offiziell veröffentlicht und es gibt mittlerweile mehrere Versionen.

Prinz Porno: Die erste Version war auf einem Beat von einem Xzibit und Saafir Track. Die war auf “Porno Privat”. Dann gab es Remixe von Rasta und von Kick. Ich finde es ja nicht schlimm, mich erstaunt es nur, daß Leute Sachen, Texte von mir kennen, die ich nicht mal rausgebracht habe. Auf “Radiumreaktion” ist ja der Track “Heisskalt” drauf. Nach vier Tagen - da wurde das Tape nicht mal richtig verkauft - konnten bei einem Konzert alle Leute den Text mitsingen. Das ist schon irgendwie kraß, und ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen. Es ist ein super Gefühl, wenn dann nach dem Track Frauen wie auch Männer zu mir kommen und sagen, daß sie es cool finden, daß ich alles so offen sage und ich denen geholfen habe. Das ist das, wo ich denke, es hat Sinn, Musik zu machen.

Bassdraft: Nach der SK-Zeit gründetest Du mit Smexer, Kid Kobra, Kick und Sash die Beatfabrik. Wie kam das zustande?

Prinz Porno: Auch vor der SK-Zeit war ich mit allen befreundet, am längsten mit Smexer. Sash war bei mir in der Klasse, und dann habe ich Kick und Kobra kennengelernt. Ich rappe nicht mit Leuten, nur weil ich denke, die sind unfaßbar gute Rapper, sondern ich rappe mit jemandem, weil ich in erster Linie auf der gleichen Wellenlänge liege. Für mich ist die Musik ein Weg, seine Freundschaft auszuleben. Ob man zusammen eine Fußballmannschaft oder ein Klub zum Briefmarkensammeln gründet, es ist einfach ein Verbindungsglied, über was man etwas zusammen ausleben kann. Es gibt auch Leute, die hängen einfach miteinander rum, weil sie sich gegenseitig für tolle Rapper halten. Wir waren auch vor unserem momentanen Erfolg befreundet.

Bassdraft: Die Beatfabrik teilt sich noch mal in zwei weitere Gruppen auf, bei denen du auch dabei bist. Panz Dominanz (mit Kobra) und Promolle (mit Smexer). Inwieweit unterscheiden sich deine Styles bei diesen Gruppen von deinen Soloarbeiten?

Prinz Porno: Es gibt Crews, die fahren die ganze Zeit nur einen Style. Bei uns ist es halt so, daß wir uns überlegen, daß Rap nicht nur einseitig ist - wie zum Beispiel bei anderen Crews, die nur batteln -, sondern wir wollen auch über verschiedene Sachen rappen. Jeder Mensch hat nun mal verschiedene Seiten, und wenn man eine Persönlichkeit ist, die viel im Kopf und zu sagen hat, dann kann man es einfach in verschiedene Projekte fassen. So, wie man an dem einen Tag so drauf ist und an dem anderen wieder so. Mit Kid Kobra machen wir ein aggressives Ding, bei dem es wieder um andere Inhalte geht als bei Promolle oder bei meinen Solosachen. Das macht es den Leuten ein wenig leichter. Es ist nicht so, daß wir total verschiedene Persönlichkeiten sind, aber wir zeigen bei jedem Projekt sozusagen eine andere Seite von uns. Man muß sich nicht dafür verstellen, sondern man zeigt einfach bewußt auf dem einen Album nur das eine, auf dem anderen das andere. Mit Smexer habe ich einen anderen Vibe als wenn ich mit Kid Kobra recorde.

Bassdraft: Die lyrischen Inhalte deiner Texte stoßen oft an die Grenzen des Wissens eines Durchschnittsbürgers. Woher nimmst du denn deine Inspirationen?

Prinz Porno: Die meisten Leute sind von dem inspiriert, was in ihrem Kopf vorgeht. Dann sind sie es wieder von dem, was sie gehört haben oder andere Rapper sagen. Ich muß sagen, daß ich selber gar nicht soviel anderen Rap höre. Bei mir kommt es halt aus irgendwelchen Büchern, die ich lese. Ich lese sehr viel, weil ich denke, daß man, wenn man vielleicht achtzehn Jahre alt ist, genug Stoff hat, um vielleicht zwei Jahre zu rappen. Man muß halt sehr viel erleben, um danach noch Stoff zu haben. Wenn man viel denkt und möglichst viel Output haben will, muß man auch viel Input haben. Wenn man sich wirklich hinstellen will, dann muß man es auch wirklich belegen und vorher durchdenken können. Ich bin kein Typ, der etwas erzählt, was er nur vage gehört hat, sondern ich lese einfach Sachen und bilde mir meine Meinung. Da ich mich auch sehr viel mit geschriebenen Sachen auseinandersetze, habe ich auch eine etwas andere Ausdrucksform als Leute, die sich nur mit gesprochenen Sachen auseinandersetzen.

Bassdraft: Benutzt du auch Inhalte aus bestimmten Büchern, die du liest und gibst sie dann wieder?

Prinz Porno: Ich schreibe keine Passagen aus Büchern oder so ab. Aber es gibt halt Bücher, die mich stark beeindruckt haben und deren Theorien ich interessant finde oder gewisse Sachen mir merke. Man kommt so auch schnell auf Metaphern, wie beispielsweise in “Herren der Welt”. Da rede ich über die gläsernen Stadt Agatha. Diese kommt in manchen Büchern vor und hat mich einfach inspiriert. Ich schreibe natürlich so was nicht ab, aber man gewinnt aus Büchern wie zum Beispiel von Umberto Eco einen interessanten Gedankengang. Dieser bleibt dann im Kopf hängen und man verarbeitet ihn weiter.

Bassdraft: Du bist ein talentierter Grafiker. Hast du über das Sprühen angefangen oder wie bist du dazu gekommen?

Prinz Porno: Ich habe mit Graffiti angefangen. Ich bewundere es, wenn Leute es machen und so, aber ich habe halt für mich selber dann irgendwann keine Weiterentwicklungsmöglichkeiten gesehen. Es war halt nicht der Weg für mich, sich auszudrücken. Dann habe ich angefangen, Grafikdesign zu machen, weil das die beste Ausdrucksform ist, die ich mir für mich selber vorstellen kann. Da gibt es immer was zu entdecken, und ich sehe da in keiner Richtung einen Horizont. Das ist auch etwas, was mich mehr inspiriert als Musik. Der Mensch nimmt 70 Prozent von seinen Sinneseindrücken über die visuellen Sinnesorgane, also die Augen, wahr. Grafik ist halt mein Mainding.

Bassdraft: Und das Sprühen? Hast du es ganz aufgegeben?

Prinz Porno: Ich bewundere das halt noch, aber ich mach es selber nicht mehr. Es gibt sehr viel klassische Typen. Berlin hat ja schon immer die besten Sprüher gehabt. Da gibt es unfaßbare Götter wie z.B. Phos. Auch die neuen wie Skim, Sone oder Ruzd sind unglaublich. Dann gibt es halt noch Leute, die eher abstrakter sind und das Bild als Gesamtes irgendwie anders aufgefaßt haben. Vor allem Esher, Tokio oder Tekno gehören für mich dazu. Diese haben das Ganze auch unfaßbar in eine andere Richtung geführt. Ich bin selber ein wenig traurig darüber, aber ich habe damals die Faszination dafür für mich selbst verloren.

Bassdraft: Du zeichnest oft Cyborgs oder Bilder, die maschinelles beinhalten. Wie kommst du zu so einem Style?

Prinz Porno: Schon als ich ein kleines Kind war, haben mich Roboter sehr stark fasziniert. Als ich mit sechs das erste Mal Star Wars gesehen habe, habe ich einen unglaublichen Turn auf Roboter geschoben. In Zehlendorf sind immer die Panzer rumgefahren, die ich dann sehr beeindruckend fand. Auch die Soldaten und die Gewehre. Als kleines Kind habe ich schon Roboter gediggt. Meine Lieblingsfilme sind zum Beispiel Matrix, Akira, Star Wars und ich bin ein großer Battle Mech–und Mechwarrior-Fan. Nur die neuen Star Wars Episoden finde ich totalen Bullshit.

Bassdraft: Du bist der Kopf eines neuen Untergrund-Mags namens “PunchZeilen”. Willst du mit diesem Magazin einen Gegensatz zu anderen Mags in Deutschland bilden, und welchen Hintergrund hat es?

Prinz Porno: Es geht einfach darum, einfach mal neue Sachen zu machen. Die meisten Magazine bestehen erst mal aus sehr viel Werbung. Dann sind es zufällig immer noch die gleichen Leute, die dort Anzeigen schalten, und zufällig ist dann noch ein sehr langes Interview der gleichen Künstler in dem Magazin. Es ist ja auch o.k. für die. Aber da wir erst gar nicht auf Werbung angewiesen sind, können wir ganz einfach Sachen machen, die andere Magazine nicht machen. Viele Leute, die auf die anderen angewiesen sind, wollen es sich auch nicht mit denen verscherzen. Wir können machen, was wir wollen. Die “PunchZeilen” sind so eine Art Spielwiese für uns. Wir können Leute verarschen, wir können über Künstler berichten, die woanders keine Plattform haben, wir können Kritiken über Platten schreiben, die es gar nicht gibt, und das Layout ist auch schon sehr innovativ und ist wie eine Tageszeitung aufgebaut. Es war schon immer die Attitüde von uns Leuten aus Berlin, sowohl musikalisch wie auch grafisch innovativ zu sein und Sachen zu machen, die der Rest nicht hat.