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Interview: Reen

geschrieben am 23.12.2005
von Ille

Es gibt so viele MCs in Deutschland und es werden immer mehr. Komischerweise erweitert sich dadurch nicht unbedingt das Spektrum an Styles und Ideen – nur wenige fallen auf, die Nachahmer überwiegen. Einer, der immer auffällt, über den scheinbar jeder was zu sagen hat ist Reen a.k.a. MC Rene. Über 10 Jahre dauert nun schon seine Karriere an und dennoch entsteht der Eindruck sie beginnt gerade. Wir trafen einen sichtlich gut aufgelegten Reen im Büro von Marraca$h-Music in Berlin, der Stadt für die er seine Wahlheimat Köln wohlmöglich bald wieder verlassen könnte.

Reen
Bassdraft: Wie ist der Release vom „Letzten Marokkaner“ gelaufen?

Reen: Wir haben eine 1000er Auflage gemacht, davon ist die Hälfte schon weg – die hat GrooveAttack, das sind so gut wie sichere Verkäufe. Ansonsten verkaufen wir natürlich über unsere Seite in Kooperation mit den K*Rings Brothers vom Street Tape Label. Ich habe mit denen zusammen aufgenommen und wir teilen uns die Promotion. Wir haben jetzt nicht so große Anzeigen geschaltet, weil das auch zu teuer ist, denn wenn ich soviel Geld investiere, dann muss ich ja wieder rechnen wieviel CDs ich verkaufen muss. Mir ist es halt wichtig meine Auflage und die Auflage danach loszuwerden – dann ist alles cool. Bis jetzt reagieren sogar meine Kritiker auffällig neutral, was zeigt, dass die Musik auch einfach für sich spricht.

Bassdraft: Du hast jetzt ein Streettape gemacht. Warum die Abgrenzung zu einem herkömmlichen Album? Aus Kostengründen – oder ist das ein Modeding?

Reen: Street bedeutet in dem Sinne: Nähe zu den Fans, Nähe zu der Community. Ein Streettape lässt sich auch schneller rausbringen. Ich habe mit aktuellen Statements den Punkt von der Aufnahme bis zum Release einfach so kurz wie möglich halten wollen. Ich will kontinuierlich releasen, weil ein kleines Label existiert nur, wenn ich alle dreivier Monate was von mir hören lasse.

Bassdraft: Also ist das nächste Ding schon in Planung!?

Reen: Richtig, wenn das jetzt „Der letzte Marokkaner“ war, dann ist das nächste im Prinzip ... mit vielen Leuten zusammen. Ich habe mir gedacht, dass ich auf dem nächsten Album drei unbekannte Leute feature. Außerdem gibt’s dann noch dreivier Features mit bekannten MCs und so mache ich ein ganzes Album. Präsentiere es aber nicht so wie Samy, der sagt: das sind meine Jungs, sondern ich sage: das sind meine Kollegen – hier, guckt mal – ich hab’nen heißen Newcomer. Ich suche mir das aus und ich habe jetzt schon so zweidrei Leute am Start, sowohl gesanglich als auch rapmäßig, die ich halt auf verschiedenen Tracks zusammenbringen möchte – im Prinzip sauge ich mir credibility (lacht) Aber ich mache das natürlich, weil ich die Leute cool finde. Wenn ich etwas für jemanden tun kann, den ich talentiert finde, dann habe ich auf einmal meine Strukturen. Darum geht’s und das ist dann auch etwas, was nicht nur mir was bringt, sondern auch anderen Leuten.

Bassdraft: Besteht nicht die Gefahr, wenn du die Leute nicht signest – also du nur die Plattform und die Strukturen bietest - die Leute wieder gehen?

Reen: Wenn ich jemanden signe und der dann trotzdem weg will, dann kann ich zwar noch hier und da ein bisschen Kohle abziehen, aber das ist nicht mein Style. Die Künstler die ich aufbaue, die müssen Persönlichkeit haben, Persönlichkeit entwickeln - im Rahmen eines Kennenlernprozesses, der auch ein paar Monate dauert. Ich signe nicht wie Savas einen Act und lass den dreivier Jahre auf dem Label versauern. Ich werde jemanden signen, mit dem ich im Stillen schon Konzepte ausgearbeitet habe – und dann gehts los. Zuverlässigkeit, Disziplin und Wille – das sind halt die Sachen auf die ich Wert lege und die kann ich nicht beim ersten Mal sehen. Beim ersten Mal kann ich sagen: boah, super talentiert – geil. Aber ich kann nicht sagen, ob der dann pünktlich ins Studio kommt und ob ich mich auf den verlassen kann.

Bassdraft: Forderst du da nicht Sachen, die man dir schon abgesprochen hat – so als verschlammtes Talent? Würdest du mit dem jungen MC Rene also nicht zusammenarbeiten?

Reen: Nein, das nicht. Letztendlich fange ich erst jetzt an mein wahres Potential auszuschöpfen. Viele Leute, die mein Album hören, wird das auch motivieren. Gerade die, die lange dabei sind merken vielleicht: wie kann man sich nach so langer Zeit noch so pushen, so selbst motivieren und abgehen. Und ich sage – und das ist eine Ansage: Das ist erst der Anfang! Es tut einfach gut, frei zu sein und sein Ding zu machen. Aber ich brauchte auch diese lange Zeit der Unterdrückung, des „Nicht-richtig-aus-Tash-komm’“, damit ich selber merke: ICH muss es machen! Und wenn ich jetzt jemanden finde, den ich vielleicht vor diesem langen Weg bewahren kann, dann werde ich das tun, aber manchmal muss man auch Fehler machen - denn wenn es nur bergauf geht und dann irgendwann kommt eine Krise, hast du schwerer zu kämpfen. Ich weiß wie es ist .... Aber unabhängig davon lebe ich mein Leben und konzentriere mich auf das, worauf es ankommt und nicht auf das Bild, was Leute von einem haben und ich versuche daran auch nichts zu ändern, sondern ich lass die Mucke für meine Art sprechen Ich habe gewisse Sachen auch weggelassen, weil ich wusste, wenn ich das oder das mache, werden die Leute direkt gleich wieder ihre Vorurteile auspacken. Ich habe im Prinzip den Leuten keine Möglichkeit gegeben, ihren Vorteilen Nahrung zu geben.

Bassdraft: Aber passt du dich damit nicht dann doch irgendwo an?

Reen: Was bedeutet Anpassung? Viele Leute haben ja auch gesagt: Ja, der benutzt jetzt auch neue Beats, aber: ich bin Rapper, ich rapp seit über 10 Jahren und ich habe bei jeder Welle im HipHop mir die besten Beats rausgepickt, die mich geflasht haben auf der Bühne zum Freestylen. Der Beat erzählt mir die Geschichte und ich bin gierig nach neuen Beats! Ich mache kein RetroRap, ich gebe den Leuten Gefühle von mir und manchmal spiegeln die sich auf dem Beat wie von „Der Tag“ wieder und manchmal beim Song wie „Die Bitch“. Und da sind wir genau beim Thema, wo die Leute sagen: der sagt jetzt „Bitch“ blabla. Ich meine, mein erstes Album „Renevolution“ – hör die mal „A call from Weststadt“ an, dann weißt du schon das ich auch in der Richtung schon einiges gesagt habe bzw. muss ich mich nicht dafür rechtfertigen ein bestimmtes Wort zu benutzen oder nicht. Dieser Song sollte auch kein poetischer und deeper Song werden. Die „Bitch“ bezieht sich einfach auf eine bestimmte Art von Frau und auf einen Typen der versucht, diese Frau zu beherrschen, aber letztendlich gibt sie ihm nur das Gefühl, dass er sie beherrscht und dabei ist es umgekehrt – das ist das Thema, genau das ist das Thema ...

Bassdraft: Trotzdem polarisierst du anscheinend unendlich. Da gibts kaum Grautöne, nur schwarz/weiß. Nach dem Sidofeature oder vielmehr wegen dieser Zusammenarbeit und Songs wie „Die Bitch“ gab’s dann ja auch gleich den Vorwurf, dass du jetzt einen auf Gangsta machst. Kannst du das nachvollziehen?

Reen: Die Geschichte zwischen Sido und mir ist: Wir haben uns kennengelernt – er hat mich angesprochen, mir gesagt, dass er mein erstes Album „Renevolution“ richtig geil fand. Wir haben uns gut verstanden und dann hat er mich gefragt, ob ich auf dem „Ansage 4“ ‘nen Track machen will. Er hat mir sein Konzept erzählt und ich hab dann ‘ne Hook dazu gemacht. – Er hat mich auf Enthüllung supported und das habe ich auch ganz bewusst angenommen, als er es vorgeschlagen hat. Das macht ja auch Sinn, dann können die jungen Kids hören, was ich zu sagen habe, denn dadurch habe ich eine viel größere Aufmerksamkeit. Es eine deutsche Mentalität zu denken: Der hängt sich da ja nur ran und äh und ih. Nur, A – die Leute wissen gar nicht wie so ein Kontakt zustande gekommen ist; B – wissen die auch nicht, wie es hinter den Kulissen ist, wenn man normal chillt, ohne über diese ganze Musikscheiße zu reden, sondern einfach nur, weil man sich als Typ korrekt findet und C – Guck dir das bei den Amerikanern an – wie Usher, Lil John und Ludacris – die Nr. mit „Yeah!“: die Leute ziehen sich gegenseitig hoch, da kommt wer Neues raus, der ‘nen Hype hat und dann pusht man sich gegenseitig. Einfach aus reiner Sympathie und weil man vielleicht auf das steht und durch seinen Namen Offenheit dafür schaffen kann und das müssen die Leute hier mal langsam begreifen und nicht immer sofort: oh ja, der macht jetzt so und so ... Natürlich hat es am Anfang keiner gepeilt: Wie, Sido hat was mit Rene gemacht – auf Ansage 4? Hä? Andere Rapper würden sagen: Nee, das kann ich nicht machen, weil die Fans und so, aber – wir haben drauf geschissen! – Das finde ich cool und das sollten die Leute auch mal checken.

Bassdraft: Trotzdem sind viele deiner Fürsprecher aus alten Tagen, die dich als Freestyler und Sympathieträger verehren, natürlich irritiert wenn du dich an ein neues Publikum richtest.

Reen: Ich sage mal so: Bei diesem Release gibt es auch Songs, die die alten Fans ansprechen, aber Menschen müssen sich auch verändern, um zu sich selbst zu finden: Zeiten ändern sich, Geschmäcker ändern sich und das ist bei mir genauso. Mit jedem Release, mit jedem Schritt, den man macht, gewinnt man neue Leute und verliert auch Leute. Ich kann’s nicht allen recht machen. Ich kann natürlich wie Blumentopf – die machen gute Musik, das ist jetzt nicht negativ gemeint – jedes Album, von den Beats konstant bis zu den Storys, immer dasselbe machen. Das ist auch okay, das ist cool. Aber ich bin halt nicht so. Ich brauche immer auch etwas Neues, etwas was die anderen noch nicht haben. Ich bin halt nicht mehr MC Rene von „Renevolution“, die Zeiten sind vorbei! Deshalb ist „Enthüllung“ auch so eine Art Wiedergeburt für mich. Da habe ich das den Leuten alles mal erzählt und aus meiner Sicht erklärt.

Bassdraft: Gab’s da eigentlich auch Feedback von Seiten der Artists?

Reen: Ja, es ist so – ich habe ja über 200.000 Downloads gehabt – das ist unglaublich viel. Das Ding hat so krasse Wellen geschlagen - Leute wie Plattenpapzt, die haben mir gratuliert, der hat mich angerufen. Andere haben in Interviews wieder angefangen darüber zu haten, aber das ist einfach ein Song – dagegen kann man nichts sagen. Der wird in dreivier Jahren noch Bedeutung haben, während die ganze kleine Battlekriegkacke – das wird niemanden mehr interessieren.

Bassdraft: Mich verwundert nur immer dass gerade im HipHop, wo man sich in der Regel ja verbal bekämpft, stets Möglichkeiten vermieden werden Beefs in einem Freestyle-Battle auszufechten. Oder hast du irgendjemand Namhaftes in den letzten Jahren gebattlet?

Reen: Nee ... nee. A – weil viele auch ihre eigenen Probleme haben und B – ich hab ja mal Azad herausgefordert, wobei ich von Vornherein wusste, dass er niemals darauf eingehen wird, weil ich war ja bei ihm – wie ich in „Enthüllung“ erzählt habe und hab gefreestylt und er ist voll drauf abgefahren und er hat auch selber gesagt, dass das nicht so sein Ding ist. Sein Problem ist halt nur: er kann nicht einfach sagen: Freestyle ist Scheiße! – damit beleidigt er Leute, deren Leben das ist. Wenn er ein guter Freestyler wär’ und sagt Freestyle ist kacke, dann kann er es sich erlauben, aber ich kann nicht als 100 Meter Sprinter sagen: Marathon ist Scheiße ... und dann läufst du da als letzter hinterher – das ist peinlich. Aber okay, die Sache ist geklärt, da gibt’s auch nicht vielmehr hinzuzufügen. Die haben was gesagt, ich habe was gesagt und denn ist gut ...

Bassdraft: Gut, den Freestyle-Fame hast du seit eh und je. Nur wann hast du überhaupt dein letztes Battle gehabt?

Reen: Also ich freestyle viel mit meinen Kumpels zu Hause. Die Zeiten sind vorbei, wo ich jetzt auf jedes Battle fahre – ich habe das 10 Jahre lang gemacht. Ich bin überall aufgetreten und immer wollte wer hochkommen und immer hab‘ ich den gefickt. – Klar manchmal hab ich auch verloren, zum Beispiel gegen David P: mal hab ich gewonnen, mal hat er gewonnen – das ging immer so hin und her. Das war meine Zeit ... Jetzt ist Freestyle wieder mehr Hobby geworden und das macht man, um sich zu entspannen, zu zelebrieren, um zu erzählen was man letzte Woche erlebt hat: dann labere ich nicht meine Kumpels zu, sondern mach ‘nen Beat rein und freestyle denen das vor. Das ist jetzt mehr so ‘ne meditative Art. Ich konzentriere mich auf’s Schreiben und Freestyle ist meine Waffe – die habe ich immer auf Tash.

Bassdraft: ... um die Leute zu flashen ...

Reen: ... richtig – das ist halt wie Bonus, aber es ist halt nicht mehr das worauf ich mein ganzes Rapdasein baue. Früher habe ich das gemacht – Jetzt habe ich mich weiter entwickelt und im Prinzip noch ein größeres Repertoire, als andere Rapper. Ich schöpfe Konzepte, Hooks ... alles aus meinem Freestyle. Ich habe meine Basis, meine Substanz und der Freestyle ist dann so ... oha ... wie beim Eislaufen ... die Küre!

Bassdraft: Auf deiner Website kann man Kommentare zu Songs von „Der letzte Marokkaner“ lesen. Da heißt es zu „Kamikaze“ – es ist nicht unbedingt wichtig was gesagt wird, sondern wie ... Würdest du dich bzw. deine Songs allgemein so einschätzen, dass die Art und Weise des Rappens, also der Flow, über den Inhalt gehen?

Reen: Es ist ja so, dass der Ausdruck der Worte, oder wie die Worte bei den Hörern ankommen, in bestimmer Art und Weise gesagt, eine Kraft entwickeln. Es ist dann nicht unbedingt das Wort, sondern die Phonetik und die Rhythmik. Ich drücke im Prinzip in einem Song wie „Kamikaze“ aus, dass ich mit ‘nem Wagen fahre - 250 km/h und ... Baam! – direkt gegen die Wand – ohne Airbag. Ich tue mir tierisch weh dabei, wie bei meinem Album „Ich scheiß auf euren HipHop“, aber gut ... jetzt habe ich den gegen die Wand gesetzt, dann steige ich wieder aus und setze mich in den nächsten und fahre weiter. Ich drehe dann aber immer weiter auf, das ist die Mischung: die Leute denken, ich bin am Ende und dabei wissen die gar nicht, dass es damit gerade erst los geht – das ich das vielleicht sogar brauche ... baam – um mir wieder Ziele zu setzen um weiter zu machen.

Bassdraft: Ich habe mal eine Aussage über Regisseure gehört, dass sie eigentlich immer den gleichen Film drehen – mehr oder weniger gut. Trifft diese Aussage deiner Meinung nach auch auf MCs zu – dass man immer den gleichen Song schreibt?

Reen: Ja, ich transportiere ja in meinen Texten meine Art von Lebensgefühl und das vermischt sich natürlich immer mit den Umständen, in denen ich lebe und welche Entscheidungen ich gerade in schlechten Zeiten, wo es mir vielleicht nicht gut geht, treffe. Das ist der Kern: Andere entscheiden sich es depressiv zu sehen – ich sehe eher das Konstruktive: was kann ich daraus gewinnen, welche Möglichkeiten ergeben sich daraus – das ist meine Mentalität damit umzugehen und das ist auch der Kern, der sich in meinen Texten immer widerspiegelt.