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Interview: Team Avantgarde - Paradox

geschrieben am 05.04.2010
von Cracc

Team Avantgarde werden am 9. April ihr drittes Album „Paradox“ veröffentlichen. Ihre ersten beiden Alben werden in erster Linie mit einer drückend schweren Stimmung verknüpft. Ob das bei „Paradox“ so fortgeführt wird, wie die Songs entstehen und was uns zukünftig erwarten wird, verrieten Phase und Zenit in einem ausführlichen Interview.

Team Avantgarde
Bassdraft: Das Album „Paradox“ steht vor der Veröffentlichung. Habt ihr einen Anschluss an die Vorgängeralben geschaffen oder wird sich das Album komplett unterscheiden? Worin besteht der scheinbare Widerspruch?

Phase: Ich wollte einen Anschluss an „Reine Nervensache“ schaffen, was ich persönlich vom Potenzial her für ein sehr starkes Album halte. Nur denke ich, dass uns damals die Reife gefehlt hat, dieses Album so umzusetzen, wie es hätte sein können. Ich habe das Gefühl, das wir „Absolut“ brauchten, um uns wieder in Richtung „Reine Nervensache“ zu entwickeln. Unsere Stärke liegt gerade in unserer Introvertiertheit und vielleicht auch ein wenig in unserer „Wir machen was wir wollen“-Einstellung. Das haben wir immer gemacht, nur haben wir „Absolut“ gebraucht, um wieder den Mut zu haben, auf alles zu scheißen. Sieh mal, es ist doch so, die Leute sagen „Das sind tolle Lieder“: „Liebe“, „Erinnerungen“, „Ein bisschen Koks“, „Viel zu jung“ etc. Irgendwann fängst du an darüber nachzudenken, ob ein Song inhaltlich stark genug ist, um Leute zu begeistern, DOCH DARUM GEHT ES NICHT! Es geht darum ein Lied zu machen, wie du es machen willst und es dir am besten gefällt und wenn ich sagen will, mein Lied heißt „Guck Mein Drumset“ und da gibt’s nur geile Patterns und einen Two-Step Beat, dann ist das so!!!

Zenit: Der Widerspruch an sich besteht ja in musikalischer Hinsicht darin, dass die Lieder in stimmungstechnischer Hinsicht doch ein starkes Auf und Ab darstellen. Wir wollten halt dieses mal nicht am Melancholiestrang durchgehend ziehen, sondern den zur ruhigen, traurigen Musik hingezogenen Hörer aus seinem Halbschlaf erwecken. Da das ganze Leben an sich durch die Widersprüche gekennzeichnet ist, passte es dann sowieso besonders gut, diesen Titel zu wählen. Der Anschluss ist aber definitiv da, weil Team Avantgarde wären nicht Team Avantgarde, wenn sie was komplett anders machen würden. Und das hat überhaupt nichts mit Treue zu tun, sondern der Notwendigkeit sich weiter entwickeln zu wollen. Was komplett anderes muss ja nichts schlechtes sein, auch wenn es den Hörer vor den Kopf stößt, aber wir bleiben nun mal menschlich wir und das spiegelt sich dann in der Musik wider, die dann unsere Handschrift trägt.

Bassdraft: Songs die mich langfristig begeistern, folgen meist keinem Schema, sondern spiegeln Menschen oder Ereignisse durch Gedanken oder Gefühle wider, die zu einem bestimmten Zeitpunkt durch die Musik und den Text als Symbiose eingefangen wurden. Dabei könnte es z.B. simpel um ein perfektes Frühstücksei oder auf der anderen Seite um globale Katastrophen gehen. Sind euch manche Themen einfach zu banal, um dadurch Freude auszudrücken?

Zenit: Eine gute Frage. Und es tut mir auch leid, ich kann diese Frage nicht beantworten, da ich bis heute nicht konkretisieren kann, wann ein Lied mich fesselt oder nicht, da es alles ein kann, was Musik ausmacht. Was die Banalität betrifft, haben wir uns noch nie Gedanken darüber gemacht, obwohl ich doch schon glaube halb bewusst zumindest musikalisch nicht in Banalität abdriften zu wollen. Ich will immer mehr als nur den Akkord auf der Eins, um es plump auszudrücken.

Phase: Ich liebe strukturlose Lieder, gerade inhaltlich. Zwar praktiziere ich das nicht mehr so stark wie zu „Reine Nervensache“-Zeiten, werde es aber bei NPS definitiv wieder tun. Ich denke, ein Song muss einen mitreißen, ob er ein banales Thema aufgreift oder hochkomplexe Sachverhalte widerspiegelt. Ich denke, ein Lied wie „Sometimes“ bei dem es einzig und alleine um den Spaß am Rappen und Patterns geht, hat auch etwas Banales. Trotzdem reißt der Song mit, das ist es was gute Musik ausmacht!

zugehörige VÖs:

Team Avantgarde - Remixes (EP - 09/2010)
Team Avantgarde - Remixes Team Avantgarde - Remixes (ONL, Eigenvertrieb, 2010 )
Team Avantgarde - Paradox (Album - 04/2010)
Team Avantgarde - Paradox Team Avantgarde - Paradox (CD, Edit Entertainment, 2010 )
Team Avantgarde - Absolut (Album - 08/2007)
Team Avantgarde - Absolut Team Avantgarde - Absolut (CD, Edit Entertainment, 2007 )
Team Avantgarde - Reine Nervensache (Album - 01/2005)
Team Avantgarde - Reine Nervensache Team Avantgarde - Reine Nervensache (CD, Eigenvertrieb, 2005 )
Bassdraft: Wie lange habt ihr an diesem Album gearbeitet?

Zenit: Zwei Jahre saßen wir an dem Album. Wir haben uns sofort nach Veröffentlichung unseres „Absolut“ Albums ans Werk gemacht. Eigentlich hatten wir erst mal nicht hundertprozentig ein Ziel vor Augen, aber dann hat sich herausgestellt, dass wir besser damit fahren, den Sound abwechslungsreicher zu machen und uns von Lied zu Lied bewusster ans Werk gemacht haben.

Phase: Ja, bei mir war wirklich erstmals nur das Wort „Paradox“ sonst nichts! Aber ich wusste, dass ich dieses Gefühl ablegen wollte, das ich teilweise bei „Absolut“ hatte. Ich meine, ich liebe das Album, aber es hört sich zu wenig danach an, als hätte es mir Spaß gemacht. Kann aber auch an der LebensPHASE  gelegen haben.

Bassdraft: An einem grauen Novembertag in einer Lebenskrise mit „Absolut“ auf den Kopfhörern Raben zwischen blätterlosen Bäumen beobachten, kann aus eigener Erfahrung aufbauend wirken. Zum Beispiel „Viel zu Jung“ ist zwar introvertiert, hat aber eine absolut positive Message. Wirkt eure Musik nicht eher auf Leute desillusionierend, denen es gut geht?

Phase: Ich denke, das wir dafür da sind! (hahaha). Naja, es ist doch so: Die meisten Menschen leben doch in einer Traumwelt. Nehmen wir mal das Beispiel Partnerschaft: Sie denken, wenn sie in einer Partnerschaft sind, sind sie nicht mehr alleine. Der Mensch ist aber immer alleine! Er braucht nur das Gefühl jemanden zu haben und das auch nur aus Bedürfnisbefriedigung heraus. Das heißt, es gibt so viele Dinge, die wir alle nicht sehen wollen. Das gleiche ist z.B. beim Thema Tod: In der westlichen Welt ist das ein totales Tabu. Deswegen haben auch so viele Angst davor. Es ist nun mal so, dass wir alle nur Staub sind! Und scheiß auf 60 Jahre, das ist nichts! Diese Dinge muss ich rauslassen! Und wenn ich desillusioniere...tja…warum soll es mir schlechter gehen als den anderen, das ist meine Art von Egoismus! (Lacht)

Zenit: Desillusionierend nicht, da ich glaube, dass die Texte an sich einen zu hohen Anspruch haben, um wirklich Jugendliche in ihrer Naivität und Glauben an das Gute zu zermürben. Die es verstehen, werden aus den Texten weit mehr Hoffnung lesen können, als es im ersten Augenblick zu vermuten ist. Ich meine, es gibt ja auch die Trottel, die glauben, wir wären irgendwelche pseudo-esoterischen Vollzeitkiffer, die nichts mit sich und ihrer Umwelt anzufangen wissen. Aber wie bereits gesagt, können wir es auch nicht jedem recht machen. Und wem unsere Musik zu künstlerisch ist, der soll einfach den Mund halten und sich nicht dadurch in irgendeiner Erhabenheit wähnen, die höchstens in seiner Fantasie existiert. Wer Team Avantgarde nicht verstehen möchte, wird auch so vieles andere nicht verstehen, da wir noch lange nicht die Spitze des Eisberges sind, was Komplexität und Unerreichbarkeit betrifft.

Bassdraft: Von den Ausschnitten her habe ich das Gefühl, dass das Album nicht mehr so schwermütig ist. War das so konzipiert oder hat sich das so ergeben?

Zenit: Wie bereits in den vorherigen Fragen beantwortet, wurde dieses Vorhaben immer konkreter, und letztendlich haben wir das erfolgreich durchgezogen, ohne Abstriche machen zu müssen, nach dem Motto: wir müssen jetzt schnellere lautere Lieder machen.

Phase: Ja, das stimmt. Zenit und ich wollten es viel lockerer machen, und ich denke, das ist uns echt gelungen. Ich meine, ich finde es hammer, wenn nach einem Lied wie „30m²“ eben ein Song wie „Sometimes“ kommt. Das ist für mich das Leben, KONTRASTE! und ich finde uns ist das mit einer  extremen Lockerheit gelungen. Natürlich haben uns da auch die Feature geholfen. Ein Gris oder Justus bringt durch Stimme und Flow ja gleich wieder diese lockere Berlin Battel Rap Stimmung..!

Bassdraft: In dem Teaser Interview zu „Paradox“ habt ihr ja eure Herangehensweise an das Album so beschrieben, dass Phase erst die Texte schreibt und Zenit danach die Instrumentals maßschneidert. Ich stelle mir das schwierig vor, immer genau den Nagel auf den Kopf zu treffen. Zenit, wie gehst du diese Herausforderung heran? Bekommst du irgendwelche Beispielsounds, wie es klingen könnte, oder schließt du dich mit den Accapellas ein und präsentiert dann einem fertigen Song?

Zenit: Ganz genau so ist es im Grunde genommen! Natürlich lasse ich mich von den Beats, auf denen Phase gerappt hat, inspirieren und schweiße seine Raps in meine Instrumentale. Das hat dann aber auch schon  einen Remix Charakter, und man natürlich gewillt ist, besser als das Original zu sein.

Bassdraft: Kommt es nicht vor, dass Zenit einen fertigen Beat hat, auf den du einfach rappen musst?

Phase: Klar gibt es das auch, und nicht zu selten, aber der Großteil des Albums wurde wie bereits besprochen, so produziert, dass erst die Raps kamen, dann der Beat.

Bassdraft: Die nächste Herausforderung für das Endprodukt Album ist die optische Umsetzung. Ist das Cover nach euren Vorgaben erstellt worden und wer hat es erstellt?

Phase: Ich hatte die Idee dafür im Kopf, also die Lichtstimmung, Masken etc. Ich habe mich mit Drift, einem sehr guten und talentierten Game-Designer, zusammengesetzt, das durchgesprochen und er hat dann wirklich alles richtig gemacht, es perfekt umgesetzt! Ich meine, wenn du jemanden hast, der so gut ist und deine Vorstellungen so geil umsetzen kann, dann ist das schon perfekt und nicht unbedingt selbstverständlich. Das Cover, die Stimmung und das Gefühl des Albums ist für mich perfekt eingefangen worden. So ist es ja auch: wir sind alle die Typen vom Cover, an jedem einzelnen Tag! Leben/Paradox!

Zenit: Das Cover geht ehrlich weit an meinen Vorstellungen vorbei, die ich bei der Produktion von „Paradox“ hatte. Aber das ist ja das Gute, dass man sich künstlerisch überraschen lassen kann und es sich am Ende mehr als gelohnt hat. Es ist ein großartiges Artwork entstanden, welches vielleicht auch anecken wird, aber gerade dadurch ja dann extrem Team Avantgarde entspricht.

Bassdraft: Bei manchen Covern sieht man sofort, mit welcher Musikrichtung man es zu tun hat bzw. es reichen bekannte Gesichter oder Namen aus, um einen Kaufanreiz zu bieten. Andere Cover stechen durch abstrakte grafische Arbeiten hervor. Ich denke, dass das „Paradox“-Cover nicht die Aufmerksamkeit der breiten Masse auf das Produkt lenken wird. Dafür ist es grafisch um so anspruchsvoller und stellt den Inhalt exakt dar. Ist das Artwork in mp3 Zeiten rein verkaufstechnisch überhaupt noch wichtig? Also in dem Sinne: Wieviel potentielle Käufer verliert man, wenn man nur ein weißes Cover bringt.

Zenit: Ich denke, dass ein Cover immer wichtig bleibt, egal auf welchem Medium es veröffentlicht wird. Es wird einfach ein visueller Reiz geboten, und selbst wenn es nur dafür dient, auf dem MP3-Player als Standbild zu sehen, anstatt einfach nur einen Platzhalter, wie eine Musiknote oder sonstiges. Aber letztendlich entscheidet am Ende das Cover sowieso nur bedingt für die Verkaufszahlen. Klar gibt es den Standard der Nahaufnahme des Künstlers oder des angeschnittenen Portraits des Künstlers, aber entweder du bist Hardcore auf die Masse zugeschnitten, oder du bleibst so gesehen im Untergrund.

Phase: Ich sehe das so: wir arbeiten zwei bis drei Jahre hart an einem geilen Album und dann muss eben auch das Cover das ausdrücken, was wir uns dabei gedacht haben. Bei „Paradox“ ist es perfekt. Ich denke auch, dass wir mehr Alben verkaufen, wenn die Leute sagen: Boah, was für ein geiles neues Team Avantgarde Album und das Cover alleine schon. Es ist eben ein Gesamtpaket, was super ist und dazu gehören z.B. auch die Shirts.

Bassdraft: Paradox ist ja mittlerweile die zehnte Veröffentlichung auf edit. Wer entscheidet eigentlich was, wann und in welcher Reihenfolge erscheint?

Zenit: Entschieden wird das nach Qualität einer Platte und dem Gefühl, wann edit glaubt, wann es richtig wäre ein Album rauszubringen. Es sitzt auf jeden Fall nicht eine graue Eminenz, die keiner kennt auf seinem Thron und schlägt MCs und Produzenten zum Releaseritter. Letztendlich ist es, wie jedes Untergrundlabel auch, eine Frage der Finanzierung. Wir haben halt keinen Künstler, der es in die Charts geschafft hat und damit locker zehn weitere Releases finanzieren kann. Trotzdessen darf aber ruhig erwähnt werden, dass wir einige Künstler bei edit haben, die es verdient hätten, in Jamba Werbespots zu laufen.

Phase: Ich verzichte auf JAMBA! Nur das „30m²“-Video  könnte mal im Fernsehen laufen, ansonsten ist alles cool und das wichtigste ist sowieso nur der SOUND!

Bassdraft: Welche Erwartungen habt ihr selbst, wenn „Paradox“ auf den Markt kommt? Wird es Liveauftritte um das Veröffentlichungsdatum geben?

Phase: Ich erwarte, dass wir den Respekt bekommen, den wir verdienen. Das mein ich nicht wirtschaftlich, sondern eher im Bezug auf die Musik. Eine Band wie Team Avantgarde, das es schon solange gibt und das über all die Jahre versucht hat, ihren eigenen Sound zu finden, sollte auch den verdienten Respekt bekommen. Ich will endlich mal ein Review in der Spex. Das wäre ein Wusch von mir! Live wird es bestimmt dieses Jahr auch etwas geben. Wenn nicht mit Team Avantgarde, dann mit Edit!

Zenit: Also da ich reiner Studionerd bin, von meiner Seite aus nicht. Ich würde mich auch niemals als Musiker bezeichnen. Dann schon eher als Handwerker.

Bassdraft: Was sind eure nächsten Ziele? Wird es in absehbarer Zeit ein neues Zenit-Album geben?

Phase: Ich muss jetzt erstmal NPS und mein Soloalbum machen, um ein wenig Abstand von Team Avantgarde zu bekommen. Das heißt, ich werde zwei gute Alben machen und dann mit neuer Power zurückkommen und in zwei bis drei Jahren ein neues Team Avantgarde-Werk machen. Ich träume davon, dass wir das Album mit Nesin zusammen machen, mal sehen ob es klappt. Ich denke, Zenit und ich brauchen mal ein wenig Zeit für uns. Was natürlich nicht heißt, dass wir nicht zwischendurch Lieder bringen und natürlich ist Zenit sowohl an NPS als auch an meinem Solo beteiligt, nur die Kraft für ein neues Team Avantgarde Album habe ich gerade nicht!

Zenit: Ja, meine zweites Instrumentalwerk „Weit weg von euch“ ist so gut wie fertig. Was aber trotzdem nicht heißt, dass es bald erscheinen wird. Wir bringen es raus, wann wir es für richtig halten. Wir stehen bei so einem Album, welches eher ein Nischendasein fristen wird, sowieso unter keinem Zugzwang. Es wird immer noch sehr organisch sein, aber mit einem deutlich niedrigeren Sampleanteil.

NPS bedeutet Neo Psychodelic Shit und ist ein neues Projekt von Zenit und Phase, bei dem sie mit verschiedenen Künstlern zusammenarbeiten. Der erste Song ist mit Justus entstanden und heißt “Wie Sind NPS”. Mehr Infos gibt es auf facebook in der gleichnamigen Gruppe.